Wenn der Schlemmer fastet

- Der zierliche Mann mit den feinen Gesichtszügen, der gar nicht gerne im Mittelpunkt steht und sich im Münchner Lenbachhaus freut über die gelungene Präsentation im Kunstbau, ist der berühmteste und, was nicht zwingend einhergeht, der wichtigste deutsche Künstler. Gerhard Richter. Seine Präsenz ist weltweit. Sein uvre prägt die internationale Szene, denn es formuliert in immer neuen Varianten die Malerei. Überspitzt: Gerhard Richter ist die Malerei der Gegenwart. Das Lenbachhaus widmet ihm im Kunstbau eine imposante Übersichtsausstellung, die der Künstler selbst für die Düsseldorfer K 20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, konzipiert hat und die von Anfang an auch nach München kommen sollte. Viele Gemälde aus den 70er- und 80er-Jahren sind nur hier zu sehen.

Unser Seh-Müll wird entsorgt <P>Gerhard Richter hat nie von der Malerei gelassen, obwohl sie oft geschmäht und totgesagt wurde. Er verarbeitet am konsequentesten die Motive der klassischen Moderne und der Kunst nach 1945, außerdem hält er stets Kontakt zur Malerei der vorhergehenden Jahrhunderte. Hier eine fast romantische Landschaft, dort ein fast venezianisch-barocker (Kirchen-)Himmel. Das heißt, er lässt kein Material verkommen. Deswegen wird das optische Medium Fotografie vom Schnappschuss bis zum Zeitungsbild genauso genutzt wie die visuellen Qualitäten tatsächlicher Stofflichkeit, als da sind Glas/Spiegelung, Metall, alle nur erdenklichen Farbaufträge von makellos glatt bis reliefartig.<BR><BR>Das zeigt die wunderschöne Schau aufs Beste. Richter ist unendlich fleißig, darin Picasso nicht unähnlich. Und wie dieser schafft er es stets, einen staunen zu machen: So gut man das Werk kennen mag, es langweilt nie, wächst und gedeiht wie ein lebendiges Wesen. Aufregend inszeniert ist im Kunstbau der Dialog zwischen Grau und Bunt sowie zwischen Ungegenständlich und Gegenständlich. Ist Richter in allen malerischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen und auf die er nicht verzichten will, ein Schlemmer, so erlegt er sich dennoch phasenweises Fasten auf. Diese Askese realisiert sich in der Anti-Farbe Grau. In ihr verzichtet er sogar auf den dramatischen Schwarz-Weiß-Kontrast. In Grau tritt Beruhigung ein, Konzentration, vielleicht sogar Versenkung. Seh-Müll wird entsorgt, was entschlackend wirkt.<BR><BR>Im Kunstbau, der der Schaffens-Chronologie folgt, kann man gut nachvollziehen, wie sich das relativ dunkle Grau Richters aus den Mal-Varianten der Schwarz-Weiß-Fotos und einer Op-Art-Weiterführung (60er-Jahre) entwickelt hat. Da der Künstler aber sinnenfroh ist, sind diese Gemälde überhaupt nicht eintönig, sondern von stupender Vielfalt. Man wird in ihren Bann gezogen und erforscht die immer neuen Möglichkeiten bis zu zart Pergament-faltiger Hautoberfläche oder Hinten-und-Vorne-Bildern. <BR><BR>Diese Arbeiten, die riesigen Farb-Spektakel und die Farbschleier-Abrisse, die zahllose Schichten ahnen lassen, streichen sich naturgemäß gegenseitig heraus. Opulenz ist üppiger neben Kargheit und umgekehrt. Das macht die Spannung der Ausstellung aus. Natürlich auch der scheinbare Widerspruch, dass einer genauso gut fotorealistisch wie abstrakt malen kann. Und das nicht in abgezirkelten Zeitabschnitten, sondern kunterbunt durcheinander. Gerhard Richter geniert sich nicht einmal, schlicht und ergreifend schöne Blumenstillleben zu malen.<BR><BR>Der "Atlas" erklärt die Mal-Evolution</P><P>Dass der Künstler, der 1932 in Dresden geboren wurde und in Köln lebt, die Referenzgröße für die zurzeit hochgelobten (Jung-)Maler ist, macht die Exposition deutlich. Aber auch wie himmelweit der Abstand ist. Nicht nur weil Gerhard Richter ein Allumfasser ist - er betreibt nicht Sammeln, Kompilieren als Selbstzweck oder aus einer Hilflosigkeit heraus -, sondern weil er Kunst weiterentwickeln kann. Sein System der Evolution lässt sich am besten in seinem "Atlas" beobachten, mittlerweile gerahmte 733 Arbeitsblätter. Das Lenbachhaus, das zum Glück dieses Weltall besitzt, zeigt es jetzt ergänzend.</P><P>Bis 21.8.; Tel. 089/ 23 33 20 00, www.lenbachhaus muenchen.de; kostenlose Führungen: Sa. 16 Uhr; Katalog 29 Euro.</P>

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