Wenn der Tisch lebendig wird

- Unter Wasser sitzen, den Wellen trotzen und ganz gemütlich ein Buch lesen, weit weg von der Hektik der Welt - das ist nicht mehr nur ein Traum für Amphibienmenschen. Mit einem "Ciao, ihr wisst, wo ihr mich findet" hat sich Isabel Haase verabschiedet. Was hinter dem sehnsüchtigen Video an Mühe steckt, ist nicht zu sehen: eine Woche Tauchgänge mit Bleigürtel vor der Kamera.

Damit steht der Film programmatisch für eine packende Ausstellung in der Münchner Galerie der Künstler, die mit scheinbarer Leichtigkeit eine Menge Neues auslotet. "Skulpturale Handlungen" definiert nicht nur das Genre Bildhauerei frisch, sondern entstaubt auch gleich alte Performance-Konzepte. Warfen sich die Künstler der 60er- und 70er-Jahre mit Aggression in die neuen Erfahrungen mit Raum und Körperlichkeit, so sind es heute subtilere Ansätze. Und das in einer Generation der zumeist oberflächlichen Körperverliebtheit - alle Achtung!

Für die unruhigen Zeitgenossen hält Christian Engelmann das richtige, optisch faszinierend brachiale Gerät zum Austoben bereit: Seine Zentrifuge, eine Mischung aus Liegerad und Astronauten-Testgerät, ist einen Versuch wert. Man tritt sich selbst in einen Karusselleffekt hinein, der zwischen Spiel und Tortur angesiedelt ist. Es ist keine Reise ins Weltall, sondern eine zu den eigenen Grenzen der Belastbarkeit. Dass die Münchner allerdings bezüglich irritierender Herausforderungen eher cool reagieren, zeigt die Dokumentation von Claudia Djabbari: Mit einem hinreißend romantischen Bauern-Pas de Deux wollte sie ein wenig Ballettflair in die U-Bahn-Haltestelle Goetheplatz bringen. Was so schwebend irreal den grauen Alltag bereichert, wurde von den Passanten kaum beachtet. Auch damit hat bewegte Skulptur eben zu kämpfen...

Deswegen müssen die Zuschauer bei Anne Wodtcke mitmachen. Eigene Editionen stehen ihnen zur Verfügung: Riesige Tüten werden zu Statisten für Körperskulpturen. Sich windend, kauernd, hüpfend, stützend wird der Mensch zum Mobiliar. Das Kleinformat, mit Textzeilen versehen, soll im Münchner Zentrum die Passanten zu einem tiefen Blick in die Tüte anregen. Was würde passieren, wenn nicht nur der Mensch auf die Dinge, sondern die Dinge auf den Menschen reagieren würden? Vassiliea Stylianidou hat diese Vision filmisch Realtität werden lassen und einen Tisch zum Leben erweckt. Fast möchte man hingreifen. So ähnlich ergeht es einem auch bei den Schaumstoff-Skulpturen von Patricija Gilyte. Der Wind presst das Material an den Körper und lässt so wunderbare Formen vasenartig aufragen.

Am härtesten fomuliert Nezaket Ekici den Anspruch, dass Skulptur das Leben umkrempeln kann: Zum ersten greift sie mit einer Perfomance das Thema Vogelgrippe auf. Federberge faszinieren und bedrohen den Betrachter zugleich. Zum zweiten wagt sie sich an das heikle Thema Islam heran: Selbst türkischstämmig, verbrachte sie, tief verschleiert, Stunden mit einem Schwein in einem Käfig. Schließlich ist das Tier an sich ja nicht unrein, sondern nur der Fleischverzehr. Dennoch wird sich mancher über diese Hinterfragung eines Tabus aufregen. Und damit hätten die "Skulpturalen Handlungen" auch nahtlos an den Anspruch ihrer rebellischen Vergangenheit angeknüpft.

Bis 18.8., Tel. 089/ 22 04 63.

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