Wenn die Ungarn Schlitten fahren

- "Dies ist ein magischer Ort." Gemeint ist der Friedhof, auf dem das Genie Wolfgang Amadeus Mozart für arm verscharrt wurde. Jetzt nächtlicher Treffpunkt, bei dem Witwe Konstanze einem Interessenten am liebsten die sterblichen Überreste verscherbeln will. Aber so recht eigentlich scheint dies kein Gottesacker zu sein, sondern eher so etwas wie die Kugelkappe eines Planeten.

Dunkel jedenfalls wäre der Weltraum, sehr dunkel, wenn hier nicht plötzlich der Stern Wolfgang Amadé aufginge. Mit Blitz und Donner, mit einem Gewitter aus sämtlichen Laserkanonen wird Mozart aus den überirdischen Sphären ins Rampenlicht geschleudert, zurück in seine Kindheit, also zurück nach Salzburg und in Wirklichkeit auf die Bühne des Deutschen Theaters in München.

Hier hatte einer der witzigsten und rührendsten Beiträge zum nun ausklingenden Mozart-Jahr Premiere: "Mozart!", das Musical, von Sylvester Lévay (Musik) und Michael Kunze (Libretto).

Eine Hommage ganz ohne Mozartmusik. Und wenn doch hin und wieder ein paar Originaltakte eingestreut werden, dann als Zitat. Erzählt wird ­ einfach und geradlinig ­ die Lebensgeschichte des Komponisten, die einzelnen Stationen, die Triumphe, die Niederlagen. Die Seligkeit des Schöpferischen und die Qual der Bindung an Familie und Gesellschaft und überhaupt an jegliche Norm.

Das ist die Stärke des Librettos: dass es die Unabhängigkeit des Künstlers als unabdingbar herausstellt, die Freiheit des Genies, das sich allen bürgerlichen Wertemaßstäben entzieht. Um das zu verdeutlichen, ist dem "großen" Mozart der "kleine" beigesellt, das Kind, das er wohl immer geblieben ist. Dieser Junge (voll kecker Anmut: András Rónai) ist das komponierende zweite Ich.

Dass dies mit aller Leichtigkeit geschieht, dass die Welt des Salzburger und Wiener Rokoko, die Perücken und der ganze Plüsch und Plunder sich wunderbar verbinden mit dem Rock, Pop und Rap der Musik, mit dem Discosound und den Marschrhythmen ­ das ist nicht nur Protagonist Patrick Stanke zu verdanken. Sein Mozart: ein Kraftkerl und Charmebolzen. Stanke kann tanzen, singen, spielen; ist voller Witz und hat Gefühl; er kommt "an" beim Publikum.

Der andere Star des Abends ist das gesamte Ensemble des Budapester Musical- und Operettentheaters unter Leitung von Regisseur Miklós-Gábor Kerényi. Diese Aufführung, dirigiert von István Silló, reißt mit durch ihre Vitalität, ihr Tempo, ihren szenischen Einfallsreichtum. Herrlich überdreht: die gschlamperte Familie Weber, die ihre schönen Töchter als Ware feilbietet. Ein Höhepunkt: die urkomische Schlittenfahrt von Fürstbischof Colloredo (glänzend: Attila Németh).

Und hinschmelzen könnte man sowieso, wenn die Budapester ihr ungarisches Deutsch sprechen. Da ist k&k nicht weit, da winkt die gute alte Operette herüber. Und neidlos müssen wir anerkennen: Die Ungarn können‘s einfach. Weil sie sich eben intellektuell nicht zu fein sein, in diesem Fach zu glänzen. Weil sie dieses Genre vorbehaltlos lieben. Weil sie sich 100-prozentig und dennoch mit einem Augenzwinkern mit der Sache identifizieren. Darum sind sie so authentisch. Darum wird mit ihnen die Bühne zum magischen Ort.

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