Wenn der Vater ein Fremder bleibt

München - Im November 2004 erfährt die Moderatorin und Autorin Amelie Fried (49) zum ersten Mal von ihrem Großonkel Max und ihrer Großtante Lilli, die von den Nazis ermordet wurden. Das "detektivische Puzzlespiel", das nun beginnt, reicht vom Münchner Stadtarchiv bis nach Seattle. Es handelt von Schreibverbot, Deportation, Todesangst, von Wut, Mut und Glück. Und vom Kampf um das Ulmer Schuhgeschäft der Großeltern. "Schuhhaus Pallas.

Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte" ist die spannende Aufarbeitung eines langen Schweigens ­ und ein wichtiges Stück deutscher Zeitgeschichte. Die Autorin liest morgen um 20 Uhr im Jüdischen Zentrum.

Wann war Ihnen klar, dass Ihre jüdische Spurensuche als Buch veröffentlicht werden müsste?

Das war lange überhaupt nicht klar. Es ging mir zuerst darum, diese Geschichte zu erforschen, ursprünglich nur für meine Geschwister und meine Kinder. Es war mein Mann, der meinte: Eigentlich müsste man was daraus machen. Da habe ich mich gesträubt und gesagt: Ich will nicht das Schicksal meiner Familienmitglieder ausbeuten für eine gute Geschichte. Wenn, dann nur in Form eines Sachbuchs, einer ganz dokumentarischen, journalistischen Art der Aufarbeitung. Es ist auch ein Stück deutsche Geschichte: diese vielen kleinen Schikanen, die Art, wie Menschen sich dagegen gewehrt haben, die Hoffnung, es würde vielleicht alles nicht so schlimm kommen, das Verdrängen...

Warum haben Sie "Schuhhaus Pallas" auch als Jugendbuch geschrieben?

Als ich merkte, wie mein damals 15-jähriger Sohn sehr interessiert, aber auch mit einer schönen Unbefangenheit an dieses Thema herangegangen ist, dachte ich mir, vielleicht ist es auch eine Geschichte, die man Jugendlichen erzählen könnte. Es gibt im Buch einen ausführlichen Anhang ­ damit es ein Stück Geschichtslektion ist und sich vielleicht als Schullektüre eignet.

Sie schreiben von einer "scheinbaren Distanz", die Menschen aufbauen, wenn sie von Erlebnissen aus der Nazi-Zeit erzählen. Hat die Form des "Sachbuchs" auch geholfen, selbst Distanz zu bewahren?

Ich wollte, dass sich die Tragik und die Dramatik, die in dieser Geschichte stecken, für den Leser ausschließlich durch die Tatsachen erschließen und nicht durch meine Kommentierung. Die Emotionen sollen beim Leser dadurch entstehen, dass er beim Lesen sagt: Das ist ja unglaublich und entsetzlich, was da passiert ist.

Bei der Recherche trafen Sie auf immer mehr unbekannte Verwandte. Die meisten wurden Opfer der Nazi-Zeit. Ihr Onkel Walter, der in die USA flüchtete, wo Sie ihn besuchen konnten, ist die Ausnahme.

Ja, das war schon ein Schock. Ich habe wirklich nicht geahnt, wie viele Familienmitglieder von den Nazis umgebracht worden sind oder versucht haben, sich durch Suizid der Deportation zu entziehen. Und mit jedem neuen Namen, der auftauchte, war natürlich immer die Angst verbunden: Oh Gott, wo ist der geendet?

Sie fanden auch heraus, dass Ihr Großvater und Vater in Konzentrationslagern waren und nur mit sehr viel Glück überlebt haben. Trotzdem hat Sie diese Suche erleichtert?

Unbedingt. Das hatte schon eine sehr befreiende Wirkung. Und es hat mich diesen Menschen so nahe gebracht ­ und umgekehrt. Obwohl das zwischendurch unheimlich schmerzhaft war: Es gab Nächte, da sah ich buchstäblich meine Vorfahren um mein Bett herum stehen.

Solche Berichte machen das Buch zu einem sehr persönlichen, emotionalen.

Ich wollte die Ergebnisse der Recherche erzählen, aber auch, wie es mir bei diesem Vorgang ergangen ist. Ich denke, dass die Aufarbeitung der Nazi-Zeit im öffentlichen Bereich sehr gut gemacht wurde. Aber eben nur öffentlich. Im privaten, familiären Bereich existiert vielfach noch ein starkes Defizit. Da gibt es dann vier, fünf Geschichten, die bilden das Repertoire der Familienerinnerungen ­ und darüber hinaus wird weder gefragt von den Jüngeren noch geantwortet oder erzählt von den Älteren. Deswegen ist das Buch auch eine Art Appell an die Menschen, nachzufragen, was in ihren Familien war. Das Trauma geht so lange weiter, solange es nicht thematisiert und aufgedeckt, das Schweigen nicht gebrochen wird.

Gegen Ende liest man ein erschreckend verbittertes Gedicht, das Sie als 21-Jährige an Ihren sterbenden Vater als einen "Schuldner" gerichtet haben.

So ein Buch hat nur einen Sinn, wenn man es mit aller Offenheit und Ehrlichkeit schreibt. Wenn ich bereit bin, das Persönliche preiszugeben, dann habe ich eine Chance, die Menschen auch auf der emotionalen Ebene zu erreichen und begreifbar zu machen, was es in einem jungen Menschen auslöst, wenn der Vater ein Fremder bleibt. Wenn ich gewusst hätte, dass man meinem Vater zwölf Jahre lang den Mund verboten hat, dass sein Leben bedroht war, dann hätte ich mich früher mit ihm versöhnen können.

Wie denken Sie heute an ihn?

Es hat sehr lange gedauert und viel Herzschmerz gekostet, aber heute kann ich sagen, es ist o. k. Vielleicht wäre er ganz stolz oder froh, wenn er dieses Buch sehen würde, vielleicht wäre er auch befreit, vielleicht wär's genau das, was er gewollt hätte: dass es irgendwann mal vorbei ist mit dem Schweigen.

Das Gespräch führte Teresa Grenzmann

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