Wenn der Vater mit den Söhnen

- Ein starkes Stück und eine mäßige Regie - das war "Die Möwe", die erste Schauspiel-Neuinszenierung der Salzburger Festspiele. Ein mäßiges Stück und eine starke Regie: So präsentierte sich die zweite Produktion. In der von Montblanc subventionierten Reihe "Young Directors Project" inszenierte Christiane Pohle (36) "Fünf Goldringe" der Britin Joanna Laurens (26). Eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen, wo Pohle bereits mit ihrer Inszenierung von Jon Fosses "Da kommt noch wer" guten Eindruck hinterlassen hat. "Fünf Goldringe" haben nach der Salzburger Staffel im republic/ Stadtkino (bis 31. Juli) am 3. Oktober in München Premiere.

<P>Im Prinzip eine herkömmliche Familiengeschichte, ausstaffiert mit den Ingredienzen reichlich strapazierter Vater-Mutter-Kind-Neurosen des spätbürgerlichen Theaters. In analytischer, also vergangenheitsaufrollender Technik á´ la Ibsen ("Gespenster"). Aber ohne den gesellschaftlich erhellenden Wert dieses Musterdramas.</P><P>Was die "Fünf Goldringe" der jungen Dramatikerin dennoch heraushebt aus der Inflation von Kitschgeschichten, die im Allgemeinen im Fernsehen anzutreffen sind, ist die Sprache. Joanna Laurens gibt ihren Figuren eine absolute Kunstsprache; abgebrochene Sätze, lyrische Sentenzen, blumige Bilder, manchmal auch Kleinkind-Syntax. Das alles im Bemühen, das Unaussprechliche zur Sprache zu bringen: dass der Vater mit dem Sohne, der Sohn mit dem Bruder, der Bruder mit der Frau des Bruders. Und wie ein Damoklesschwert darüber: die den Kindern verheimlichte Tatsache, dass Papa ein armer Mann ist. Jeder spielt hier gegen jeden - wie beim Monopoly, der weihnachtlichen Familienbeschäftigung, als dessen Sieger sich am Ende der durchgeknallte Vater selbst feiert.<BR>Diese Seelenkrüppeleien, getaucht in ambitioniertes Kunstdeutsch, haben bei der Lektüre durchaus Lächerliches; denn die Sprache kaschiert ja doch nicht die Banalität dieser Familiensaga. Aber was Christiane Pohle aus dem gut eingestrichenen Stück macht, wie sie die obsessive Abgeschmacktheit des Themas in szenisch zwingende Notwendigkeit ummünzt, ist erstaunlich.</P><P>"Sie lässt Worte durch Milchnebel treiben wie<BR>ihm zugeworfene Küsse auf einem See."<BR>Henry</P><P>Sie verlegt die Handlung vom freien Feld der Wüste in die wüste Enge einer ausgepolsterten Matratzengruft, eines Sargbettes. In den Wänden  nur  Schlitze für  die Auftritte und Abgänge der Darsteller. Als Bühnenbild symbolisch überfrachtet und ästhetisch reizlos. Doch das Spiel in diesem geschlossenen Raum, wie Christiane Pohle hier die Menschen miteinander in Beziehung setzt, wie sie aus der Hülle ihrer Normalität langsam die Ängste und Sehnsüchte herauskriechen lässt, macht die Geschichte zu spannenden 100 Theaterminuten.</P><P>Wobei schauspielerisch das größte Verdienst Wolfgang Pregler und Matthias Bundschuh als das ungleiche Brüderpaar Simon und Daniel zukommt. Katharina Schubert spielt eine patente und tapfere Freyja; blass dagegen bleibt Karin Pfammatter als Miranda. Und für die schwierige Rolle des Vaters wünschte man Walter Hess mehr Macht und Geheimnis.</P>

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