Wenn Verdi mit der E-Gitarre rockt

Der Pinball Wizard flippert wieder! Ab Donnerstag rollt im Deutschen Theater die Kugel bei „The Who’s Tommy“, der Mutter und mittlerweile auch Großmutter aller Rockopern. Hier die Geschichte des Genres.

Solide 43 Jahre ist das Stück rund um das traumatisierte Flipper-Genie Tommy mittlerweile alt. Heutzutage wird zwar öfter per iPad-App als in der Kneipe geflippert, und verräuchert dürfen die Kaschemmen auch nicht mehr sein. Doch der blinde und taubstumme Kugelkönig fasziniert noch immer. Zudem lässt sich in Fröttmaning mittelalte Musikgeschichte studieren. Ohne „Tommy“ kein „Jesus Christ Superstar“, kein „Ziggy Stardust“, kein „The Wall“ und vielleicht überhaupt keine Rockoper. Ob das ein kultureller Verlust gewesen wäre oder nicht, darüber streiten Musikexperten bis heute eifrig.

Die üppigen und pompösen Rockopern der End-60er und 70er waren die logische Fortentwicklung des Rock ’n’ Roll, des Beat und des Pop von „Love Me Do“ bis „Sgt. Pepper“ bei den Beatles, von „Surfin’ USA“ bis zum jahrzehntelang verschollenen Opus magnum „Smile“ bei den Beach Boys. Vom schlichten Beat zum kopflastigen Konzeptalbum in kaum einem halben Jahrzehnt - da führte der Weg beinahe zwangsläufig zur Rockoper. Zu Verdi, manchmal auch zu Wagner, mit E-Gitarren. Zur breitbeinigen, testosteronigen Schwester des Musicals.

Erstmals soll der Begriff Rockoper 1966 aufgetaucht sein, in einer Plauderei zwischen Who-Leader Pete Townshend und einigen Freunden. Townshend, damals blühfrische 21, spielte seinen Kumpels das Tonband der Comedy-Aufführung „Gratis Amatis“ vor, in der nach Kräften gesungen wurde. „Klingt ja wie eine Rockoper“, murmelte der Legende nach einer der Spezis von Townshend. Und Who-Produzent Kit Lambert soll begeistert ausgerufen haben: „Was für eine Idee!“

Nur wenige Monate später fand sich mit dem neunminütigen und sechsteiligen Stück „A Quick One, While He’s Away“ auf dem Who-Album „A Quick One“ die vielleicht erste Rockoper auf Schallplatte, eine gedankenschwere Abhandlung über eheliche Untreue. Die Vertreter der reinen Lehre des Rock ’n’ Roll, die der Meinung waren, dass vernünftige Musikstücke eher „You’re My Baby, Baby“ als „A Quick One, While He’s Away“ oder „Being For The Benefit Of Mr. Kite!“, sechs Monate nach „Sgt. Pepper“, heißen sollten, waren wenig begeistert vom neuen Genre. Was sich auch 1969 mit der Veröffentlichung von „Tommy“ nicht änderte.

Doch der Erfolg war groß, und die Zahl der Epigonen noch größer. Dank mitreißender Handlung und fantastischer Songs („Pinball Wizard“, „Smash The Mirror“) machte „Tommy“ den Weg frei für zahlreiche Nachahmer. Was wurde gerockopert in den Siebzigern! David Bowie schoss 1972 als Weltraum-Transe „Ziggy Stardust“ in den Rockhimmel. The Who legten 1973 ihren Rockopern-Zweitling „Quadrophenia“ nach. Und Genesis, damals noch mit Peter Gabriel, erzählten in „The Lamb Lies Down On Broadway“ die epische Geschichte des puertorikanischen Jungen Rael, der sich auf die Suche nach seinem verschütt gegangenen Bruder John begibt. Weiter weg von „You’re My Baby, Baby“ konnte sich die Rockmusik kaum mehr entfernen.

Und näher am Musical konnte sie auch kaum sein. Wer an Sarah Brightman denkt, mag’s kaum glauben. Doch Andrew Lloyd Webber, damals noch kein Sir, hat seine ersten Erfolge wie „Jesus Christ Superstar“ (1970) explizit als Rockopern konzipiert - und sie erst nach dem gigantischen Erfolg am Broadway in Rockmusicals umgedeutet. Im „König der Löwen“ oder in „Tarzan“ lebt die gute alte Rockoper also bis heute weiter - wenn auch mit reduziertem Einsatz von E-Gitarren. Und umzubringen ist sie ohnehin nicht - was nicht nur das ewige Leben des „Tommy“ beweist, sondern auch moderne Bands wie die angepunkten Green Day, die ihre Konzeptalben („American Idiot“) gern als „Rockopern“ bezeichnen. Oder das neue Genre der Rap- oder Hip-Hop-Oper, an der sich R&B-Stars wie R. Kelly oder Beyoncé Knowles versucht haben.

„Tommy“ sollte übrigens nur ein Jahrzehnt die berühmteste aller Rockopern bleiben - dann kam Pink-Floyd-Mastermind Roger Waters und ließ in „The Wall“ den Jungen Pink alle faschistoiden Mauern des Nachkriegs-Großbritannien niederreißen. „We don’t need no education! We don’t need no thought control! No dark sarcasm in the classroom!“ Doch als Pink gegen Erziehung und Gedankenkontrolle aufbegehrte, hatte die Rockoper ihre ganz große Zeit bereits hinter sich, wirkte das opulente Waters-Spektakel fast schon wie der letzte große Dinosaurier der Musikgeschichte, wie ein Anachronismus. Statt Pink hatte längst Punk das Kommando auf den Straßen Englands übernommen. Und der Rock kehrte mit ganz bewusstem Zwei-Minuten-Dilettantismus und Dreschflegel-Gitarren wieder zurück in Richtung „You’re My Baby, Baby“.

Von Jörg Heinrich

„The Who’s Tommy“ ab diesen Donnerstag im Deutschen Theater, Fröttmaning; Tel. 089/55 23 44 44.

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