Wenn virtuelle Köpfe sprechen

- Hallo, an alle Theater-Freaks, die im überwältigend kompakten Programm von Münchens Spielart noch nicht ihr Highlight gefunden haben sollten: Das Théâtre Ubu aus Québec mit "The Blind" (in Englisch) könnte es sein. Denis Marleau hat Maurice Maeterlincks Fatalismus-Drama "Les Aveugles" (1891) von zwölf hilflos verirrten Blinden mit neuesten technischen Finessen futuristisch inszeniert. Und lässt dabei den symbolistischen Text eindringlicher hervortreten als im traditionellen Theater.

<P>Auf schmalem Lichtpfad betritt man die dunkle Muffathalle - wo aus nachtschwarzem Guckkasten nur zwölf Gesichter, einige im Halbprofil, fahl hervorleuchten. Sieht aus wie eine locker gruppierte Porträt-Galerie. Oder sind es doch Schauspieler mit Maske? Oder Kopf-Skulpturen? Man rätselt, entdeckt schließlich, dass lediglich zwei Darsteller (Céline Bonnier, Paul Savoie) per Video-Kunst versechsfacht sind. Und wenn diese virtuellen Köpfe zu sprechen beginnen, so perfekt wirklichkeitsnah im besorgten Sprachklang, in erschreckter, resignierter Mimik, meint man, dass einer darunter vielleicht doch "echt" sein könnte.<BR><BR>"Das menschliche Wesen wird ersetzt von einer Projektion symbolischer Formen oder von einem Wesen, das sich wie das Leben verhält." Maeterlincks Theatertheorie (in "Zerstreute Gedanken - das Theater", 1980) ist von Marleau hervorragend umgesetzt. Und durch die surrealistische Reduktion der Blinden auf Stimme und Gefühlsausdruck - Beckett ist da nicht weit - gleitet der Zuschauer gleichsam hinein in ihre Erlebniswelt der eingeschränkten, zugleich erhöhten Wahrnehmung.<BR><BR>Das Ohr ist fokussiert auf jede dieser minimalistischen Äußerungen, das Warten auf den Priester, der sie zum Spital zurückführen soll, die "Wo-sind-wir?"-Fragen, die Hoffnungsfloskeln, die Befürchtungen. Ihr Ausgeliefertsein an ein unbekanntes Schicksal allerdings kann in dieser distanziert hochbildnerischen Darstellung nur kühl von außen betrachtet werden. Was Reiz und Wert dieses Experiments nicht mindert.</P><P>Täglich dreimal bis 8. 11., Karten: 089/ 54 81 81 81.<BR></P>

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