Wenn Zeit und Raum an Bedeutung verlieren

- Für Johann Sebastian Bachs Passionen als einzig wahren Aufführungsort den sakralen Raum zu beanspruchen, liegt zwar nahe, ist aber keineswegs zwingend. Das hat der Münchener Bach-Chor mit der Matthäus-Passion am Karfreitag unter der Leitung von Ralf Otto eindrucksvoll bewiesen (Philharmonie). Dank seiner Interpretation geriet das gut drei Stunden dauernde Opus zu einem außerordentlich spannenden Ereignis, bei dem Zeit und Raum ihre Bedeutung verloren.

<P>Bereits die differenzierte, eindringliche Klangentwicklung des Eingangschores, mit dem der Hörer in die Leidensgeschichte Christi eingeführt wird, zog in Bann. Damit war von Anfang an klar, dass das Ensemble, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert - allerdings nach wie vor ohne festen Leiter -, in keiner Weise auf Routine bei dieser zum festen Repertoire zählenden Passion setzte.</P><P>Das gilt in gleichem Maße auch für das Münchener Bach-Orchester, das mit erstaunlicher Frische und Engagement musizierte. Ausgesprochen homogen war das Solistenensemble. Mit Markus Schäfer hatte man einen hervorragenden, leidenschaftlichen Evangelisten, der emphatisch und mit Nachdruck das Geschehen kommentierte. Dem Christus der Matthäuspassion, der hier eine durchaus leidende Figur ist, gab Sebastian Noack eine geduldig ertragende, zurückgenommen verzweifelte und auch sehr noble Note.</P><P>Ausgesprochen warm und klangschön sangen die Damen Susanne Rydé´n (Sopran) und Waltraud Meier (Alt), vor allem in den Duetten ungemein sensibel in der Stimmführung. Daniel Sans (Tenor) hätte man zuweilen mehr Kraft gewünscht. Roman Trekel gestaltete die Basspartie plastisch und mit sonorem Timbre. Dass die Solisten, Jesus und Evangelist ausgenommen, teils zu leise waren, war das einzige Manko und lag an der jeweiligen Positionierung.</P><P>Erfreulich gewonnen hat der Münchener Bach-Chor inzwischen wieder an Diktion, und faszinierend ist beispielsweise die Präzision in den Schlussakkorden. Insgesamt eine eindringliche, dramatische Matthäus-Passion, der Ralf Otto mit seinem Dirigat eine kontrastreiche Dynamik verlieh.</P>

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