"Wer hat Angst vor Marius Petipa?"

- Piraten, Freibeuter, Seeräuber-Romantik - mit Abenteuer-prallen Segeln geht es beim Bayerischen Staatsballett in die nächste Spielzeit: die Auftakt-Premiere - nicht wie traditionell Anfang Dezember, sondern erst am 26. Januar 2007 -, beschert uns im Münchner Nationaltheater ein Ballett, von dem im Westen generell nur ein (Gala-)Pas de deux gezeigt wird: "Le Corsaire", 1899 von Marius Petipa (1818-1910) fürs St. Petersburger Marientheater kreiert, auch nur dort und einzig noch im New Yorker American Ballett Theater gepflegt.

Ballettchef Ivan Liska höchstpersönlich nimmt nun das Wagnis einer Neufassung auf sich. Und da mit diesem Petipa die Perlenkette seiner großen erhaltenen Werke im Münchner Repertoire komplett ist, stellt man die Saison 2006/ 07 unter das Motto "Die Welt des Marius Petipa".

Petipas Oeuvre ist, verkürzt gesagt: die Ballett-Klassik. Ein großes Kapitel. Zwecks besserem Durchblick deshalb die Einführungsmatinee "Wer hat Angst vor Marius Petipa?" (29. 10.). Derart gut vorbereitet auf den aus französischer Tänzerfamilie stammenden, in Russland zur absoluten Meisterschaft gelangten Choreographen, kann man dann bis zum Frühsommer schwelgen in "La Bayadè`re", "Giselle", "Schwanensee", "Dornröschen" und "Le Corsaire". Das jeweils dabeistehende "nach Petipa" bereitet jetzt bei dem durch diverse Bearbeitungen doch (musik-)dramaturgisch recht wildwüchsig geratenen "Korsar" besonders große Schwierigkeiten. "Wir greifen deshalb auf die Originalpartituren von Adolphe Adam und Leo Delibes zurück und auf Stepanovs choreographische Original-Notationen in der amerikanischen Harvard-Universität", sagt Wolfgang Oberender, Liskas rechte Hand in Sachen Klassik. Für das Staatsensemble wird diese üppige Petipa-Saison zum Härtetest.

Ruhezeit für Muskeln und Psyche nur bei den drei Gastspielen: Das St. Petersburger Marientheater bringt 2007 "Giselle" (28.-30. 3.) und einen Gala-Abend (31. 3.), das Moskauer Bolschoi "Don Quixote" (3.-5. 5.). Das kostet - wie Liskas dankbares "Wir werden sehr gut vom bayerischen Staat unterstützt" bestätigt.

Wer wollte da meckern, dass heuer die Ballettwoche (17.-26. 4.) die Gastcompagnie ausspart. Dafür gibt es in der "Terpsichore-Gala VI" (21. 4.) sieben hier noch nie gesehene Stars vom Marientheater und vom Londoner Royal Ballet. Die Münchner Solisten werden wetteifern u. a. in drei neu erworbenen Stücken: Balanchines "Sylvia"-Pas-de-deux, Leonid Jacobsons "Pas de quatre" und "Frederick Ashtons "Five Brahms Waltzes in the Manner of Isadora Duncan". Und sicher werden sie auch in den vier Repertoire-Balletten und in der Auftakt-Premiere (17. 4.) alles geben. Traditionell ist es ein moderner Abend, diesmal ein Uraufführungs-Dreiteiler von Ex-Staatsballett-Ballerino Davide Bombana ("Century Rolls"), von Jacopo Godani "EleMental") und dem choreo-inszenierenden Bühnenbildner Michael Simon ("In the Country of Last Things"), der auch für das visuelle Gesamtkonzept verantwortlich zeichnet. Versprochen ist ein mit Video, Pop, elektronischer Musik und auto-mobiler Architektur spielendes Ereignis, in Kostümen von Forsythe-Tänzer und Multitalent Stephen Galloway, der bei Issey Miyake sein Design-Handwerk erlernte.

Zum Auftakt der Ballettwoche 2007 (28. 4.-5. 5.) dann die Wiederaufnahme von Lucinda Childs' John Adams-"Chamber Symphony" von 1994 und der Neuerwerb von Kenneth MacMillans Mahler-Ballett "Das Lied von der Erde" von 1965.

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