Wir werden modern

München - Bilder aus dem goldenen Land Myanmar gibt es ab sofort im Münchner Völkerkundemuseum zu sehen.

Zwei Frauen: Die eine faltig, mit üppiger Kopfbedeckung, schmauchte vor gut hundert Jahren ihr Pfeifchen im damaligen Hinterindien. Die andere, tätowiert im Gesicht, mit bunten Tüchern gekleidet, tut es im heutigen Myanmar. Zwei Männer: der eine auf der alten Schwarz-weiß-Fotografie am ganzen Körper tätowiert und mit eingelassenen Münzen geschützt. Der andere auf dem Farbfoto von heute, ein teil-tätowierter Mönch. Wie sich die Bilder ähneln. Hat sich im einstigen Burma in einem Jahrhundert nichts geändert?

Oh doch! Ein Stadttor auf dem nächsten Foto ist gleichsam der Eingang in eine völlig neue Ära. Wir werden ein moderner und entwickelter Staat, steht da auf Englisch in dunklen Lettern auf goldener Architektur. Das Land befindet sich in einem rasanten Umbruch. Und genau deswegen ist diese Ausstellung „Goldenes Land. 100 Jahre Burma/ Myanmar. Fotografien von Christine Scherman und Birgit Neiser“ im Münchner Völkerkundemuseum so spannend.

Hinter den 86 Foto-Paaren steckt sogar noch viel mehr als „nur“ der Blick auf ein Land zwischen Tradition und Moderne: Zwei Forscherinnen in zwei völlig verschiedenen technischen Zeitaltern offenbaren auch, wie sehr sich das Reisen geändert hat. Christine Scherman, ausgebildete Fotografin, begleitete 1911 und 1912 acht Monate lang ihren Mann Lucien, den damaligen Museumsdirektor. Nicht zuletzt Sparmaßnahmen waren die Beweggründe dazu, sie statt eines Angestellten mitzunehmen. Die Entscheidung war klug, denn das Ehepaar legte dabei den Grundstock für eine fulminante und vielfältige Burma-Sammlung. Ausgerüstet mit Kamera, Stativ und unendlich vielen Glasplatten war das Reisen zur Monsunzeit ein ungemütliches Wagnis, jeden Abend musste Christen Scherman ihre Fotos schnell fertigstellen. Jetzt werden die wertvollen Zeugnisse gerade per Digitalisierung aufwändig vor dem Verfall gerettet. Für die Ausstellung wurden sie auf Großformat gezogen.

Birgit Neiser war 1981 erstmals im Lande und entdeckte es ab 2010 wieder. Die Kunst- und Dokumentarfotografin wollte den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandel festhalten. Erst während dieser Zeit entdeckte sie den Münchner Museumsbestand und war „mehr als begeistert“. Sie hatte – Zufall, Schicksal oder Markenzeichen einer guten Forschungsfotografie – zu fast allen historischen Aufnahmen ein aktuelles Pendant. Beste Beispiele: Die Frauen, die sich samt Lunghi-Kleid am Brunnen waschen, früher ebenso wie heute. Oder der Blick in die Häuptlingshäuser und traditionellen Langhäuser, die Momente bei Bootsrennen, Ring- und Schwertkämpfen, die Ruhe der Betenden und immer wieder riesige Buddha-Figuren. Neisers gefährlichster Moment der Reise war, eine dieser 80-Meter-Statuen mit einem provisorischen Lift zu besichtigen. Es wäre sicher auch spannend gewesen, die Tagebücher der beiden Frauen zu vergleichen…

Aber auch die Bilder sind beredt. Was früher das traditionelle Orchester war, ist heute ein Musikgeschäft voller CDs: Das ist der wohl beste Vergleich in dieser Ausstellung, die hier das Konzept der ästhetischen und nostalgischen Momente verlässt und auf pfiffige Vergleiche setzt. Damit ist die Präsentation nicht nur der vielversprechende Beginn einer kulturellen Zusammenarbeit mit Myanmar, sondern auch der Auftakt zu einer großen Ausstellung im nächsten Jahr.

Freia Oliv

Bis 12. Januar;

Katalog: 24,80 Euro;

Di. bis So. 9.30 bis 17.30 Uhr;

Tel. 089/ 210 13 61 00

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