Das Werden und das Vergehen

- Irgendwie war sie immer da, doch direkt wahrgenommen wurde sie eigentlich nicht. Oda Sternberg (61) war stets die Frau hinter der Kamera, 25 Jahre lang fotografisch zuständig für das Theater Dieter Dorns, erst an den Münchner Kammerspielen, die letzten zwei Jahre am Bayerischen Staatsschauspiel.

<P>"Ich war nie so wahnsinnig interessiert an dem äußeren Ruhm. Ich brauche diese Zuwendung nicht": Mit Ende dieser Spielzeit hat Oda Sternberg sich vom Theater verabschiedet. Die Zeit, die sie in schwarzen Zuschauerräumen und engen Dunkelkammern zugebracht hat, ist nun vorüber. Die die Theaterarbeit nach außen hin dokumentierende, von Sternberg-Fotos geprägte Ästhetik wird sich langsam verändern. Ihr junger Nachfolger, Thomas Dashuber, hat bereits erste Zeichen gesetzt.</P><P>"Ich glaube, es ist das Flüchtige des Theaters, diesen einen Augenblick festzuhalten, jenen Moment, den man für den richtigen hält, sodass man sagen kann: So hab' ich's gesehen", äußert Oda Sternberg über ihren Beruf, der freilich mehr Berufung als Broterwerb ist, denn reich wird man damit nicht. Nicht mit den Bildern, die sie bis 1969 am Berliner Schillertheater gemacht hat, im Dienste der berühmten Bühnenfotografin Ilse Buhs, und auch nicht mit ihren Münchner Arbeiten. </P><P>Wie wird man Theaterfotografin? "Ich gebe zu", sagt Oda Sternberg, "dass mich zunächst das Theater mehr interessiert hat als die Fotografie. Ich bin auf dem Land aufgewachsen; vielleicht war es diese andere Welt, die mich so gereizt hat." In einem Porträtatelier in Lüneburg hat sie ihre Lehre absolviert. "Dort wurde mir mit das Wichtigste überhaupt beigebracht: Selbstkritik. Das hat mir sehr geholfen, später immer wieder zu sagen: Nein, das reicht noch nicht. Im Theater ist es doch auch so: Der Prozess der Proben erfährt in der letzten Woche vor der Premiere eine permanente Steigerung. Diese Steigerung, diese Qualitätsentwicklung, die auf der Bühne stattfindet, muss auf den Fotos rüberkommen."</P><P>Gibt es ein Lieblingsfoto? "Es gibt eine Menge. Das sind Bilder, von denen man sagt, das passiert einem nur einmal im Leben. Ich denke da an eine Szene mit Edgar Selge, in der er sich einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet. Da ist es mir gelungen, das Wasser in seinem Fall festzuhalten. Zu den mir liebsten oder wichtigsten Fotos gehört natürlich auch der Schrei von Rolf Boysen als Lear. So etwas ist nicht wiederholbar." Wie überhaupt der "Lear" für sie die aufregendste Theaterarbeit war. "Vielleicht weil ich ihn über so viele Jahre immer wieder fotografieren durfte."</P><P>Was Oda Sternberg über 30 Jahre lang am Theater so gefesselt hat? "Mich interessieren die Menschen. Ich glaube, ich habe eine große Liebe zu meinen Schauspielern. 25 Jahre Arbeit mit dem Dorn-Ensemble - da sieht man Schauspieler werden und vergehen. Am meisten fasziniert hat mich in dieser Zeit Sunnyi Melles. Sie war damals quasi noch das Kind. Bei ihr habe ich die ganze Entwicklung dieser Schauspielerin bis zur heutigen Jelena in ,Onkel Wanja im Bild festhalten können."</P><P>Noch immer spricht aus jedem Wort die Begeisterung der Fotografin für ihr Metier. Warum dann also aufhören? "Es gab im Theater ein kleines Abschiedsfest für mich. Da kam der über 80-jährige Boysen auf mich zu und sagte: ,Das Kind hört jetzt auf, dabei hat es doch gerade erst angefangen. Aber ich denke, für mich ist es der richtige Moment. Die Jungen fotografieren ganz anders. Meins war Schwarzweiß."</P><P>Heute aber findet sie es - verursacht durch den häufig schnellen Wechsel des Kunstlichts _ manchmal ein bisschen zu bunt. "Damit geht, denke ich, etwas von der Strenge eines Ausdrucks verloren. Ich aber möchte mehr Gefühle zeigen, die sich auf der Bühne ereignen, die man jedoch im Leben nur selten zu sehen kriegt."</P>

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