Werke von Charlotte Salomon im Jüdischen Museum Berlin

Berlin - Mit einer Geste stillen Kummers schlägt die junge Frau ihre Hände vor das Gesicht. Fragend blickt sie auf den offenen Koffer, der vor ihr auf dem Boden liegt. Es ist der Januar 1939. Charlotte Salomon muss aus Berlin fliehen.

In braunen Horden ziehen die Nazis durch die Stadt, jüdische Berliner werden festgenommen und in die Konzentrationslager verschleppt. Ein Jahr später beginnt Charlotte Salomon im südfranzösischen Exil, ihre Erlebnisse mit dem Pinsel chronologisch festzuhalten. Bis 1942 entstehen mehr als 1300, teils comicartige Bilder, die Charlottes Leben von der behüteten Kindheit bis kurz vor der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz erzählen.

"Leben? oder Theater?" hat sie ihr Werk genannt, das vom 17. August bis 28. Oktober im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist. Es ist das berührende Vermächtnis einer Frau, die auch in größter Not noch versucht hat, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. "Und immer noch gibt es Freude, und immer noch wachsen Blumen, und immer noch scheint die Sonne", macht sie sich auf den letzten Blättern ihrer streng durchnummerierten Bildfolge selbst Mut. Im Oktober 1943 wird sie von der grausigen Wirklichkeit eingeholt. Mit nur 26 Jahren und im fünften Monat schwanger wird Charlotte im KZ Auschwitz ermordet.

In Berlin werden 277 Blätter aus dem wie ein Theaterstück mit Vorspiel, Hauptteil und Nachwort aufgebauten Gouachen-Zyklus gezeigt. In ihrer Ausdrucksform mit schnellen Bildfolgen, angeschnittenen Perspektiven und nah herangeholten Porträts war Salomon deutlich vom Film inspiriert. Fast jedes Bild hat sie in Untertiteln mit erklärendem Text versehen. Dazu soll der Betrachter im Kopf auch die entsprechende Hintergrundmusik hören: In den Untertiteln gibt die Künstlerin dazu Schlager, Opernmelodien oder Volkslieder an.

Nach den eher kleinteilig, figürlich festgehaltenen Kinderjahren verkürzt und abstrahiert Salomon später die Geschehnisse wie bei Comics. Monologe und Dialoge baut sie fast wie Sprechblasen direkt in die mit speziellen Wasserfarben mal transparent mal deckend gestalteten Werke ein. Auch farblich verändern die immer bedrückenderen Ereignisse Salomons Malweise: Am Ende dominieren dunkle Braun- und Grüntöne.

Charlotte Salomon wurde 1917 in Berlin-Charlottenburg geboren und wuchs in einer großbürgerlichen, assimilierten Familie auf. Obwohl jüdisch, gehört das Weihnachtsfest zu einer der größten Freuden der kleinen Charlotte. Nach dem Selbstmord der Mutter tritt mit der erneuten Heirat ihres Vaters 1930 die berühmte Sängerin Paula Lindberg in ihr Leben. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die Ausgrenzung von Juden aus dem öffentlichen Leben trifft die Familie mit Berufsverboten und antisemitischen Vorfällen.

Zu Beginn des Jahres 1939 wird Charlotte Salomon zu ihren Großeltern nach Südfrankreich geschickt, die schon 1933 dorthin emigriert waren. Ihre Eltern können in die Niederlande flüchten. Als sich mit dem drohenden Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich 1940 die Großmutter in panischer Angst das Leben nimmt, erfährt Charlotte erstmals von den gehäuften Selbstmorden in ihrer Familie. Sie stürzt in eine schwere psychische Krise.

Als sie lebend aus einem Internierungslager zurückkehrt, stellt auch sie sich die Frage, ob es nicht besser wäre, sich das Leben zu nehmen. Stattdessen schließt sie sich in ihr Hotelzimmer ein und beginnt zu malen. Ihr Werk vertraut sie kurz vor der Verhaftung ihrem Arzt an, der es später an die überlebenden Eltern von Charlotte übergibt.

Die Berliner Schau entstand in Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Joods Historisch Museum. Ergänzt wird die Ausstellung mit Fotos und Originaldokumenten aus Berliner Archiven und Privatsammlungen zur Biografie der Familie Salomon.

www.jmberlin.de

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