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Joseph Beuys

Städtische Galerie im Lenbachhaus

Hirsch und Hase

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Das Lenbachhaus zeigt in einer großen Ausstellung Joseph Beuys’ Arbeiten auf Papier aus der Münchner Sammlung Schirmer

„Der zeichnet Hirsche!“ Mit dieser angeekelten Bemerkung habe ein Künstler diesen Joseph Beuys charakterisiert. Der Sammler und Verleger Lothar Schirmer (Jahrgang 1945), seit Langem schon ein Münchner, war als junger Bursche im Rheinland auf Beuys aufmerksam geworden. Heute bei der Pressevorbesichtigung zu der Ausstellung „Joseph Beuys – Einwandfreie Bilder 1945-1984“ erzählt Schirmer, dass das „die versautesten Motive“ in der Kunst gewesen seien: „Hirsche und vielleicht noch saufende Mönche“. Der Schüler Lothar, der vom Meister im Atelier empfangen wurde, sah gleich: „Genau so kann man Hirsche zeigen.“

Circa 200 Arbeiten auf Papier aus dem Schirmer’schen Konvolut sind nun im Nordflügel des Münchner Lenbachhauses (Parterre) zu sehen, kuratiert vom Sammler, von Eva Huttenlauch, in der Städtischen Galerie zuständig für die Kunst nach 1945, sowie von Matthias Mühling, Chef des Museums. Herausgekommen ist ein Konzept der musealen Kühle, die den Blättern guttut. Denn sie strahlen ohnehin schon so viel wärmende Intimität aus, dass eine Kuschel-Präsentation unerträglich wäre. Eine kleine schräge Attitüde hat man sich trotzdem erlaubt. Einige Werke sind nicht gehängt, sondern auf schmalen Gesimsen abgestellt. Das Flüchtige, Gschlamperte vieler Skizzen wird damit dezent unterstrichen.

Joseph Beuys (1921-1986) hat sein Publikum nicht nur mit seiner Kunst, sondern auch mit seiner Philosophie und den politischen Aktivitäten verwirrt – durch strategisch eingesetzten Humor. Das Publikum im Lenbachhaus wird indes an die Hand genommen. Immerhin geht es um Bleistift-, Tinte-, Tusche-, Grafit-, Filzstift-, Buntstift- und Kugelschreiberzeichnungen, um Aquarelle sowie um Beize, Lack, Stempel, Goldbronzespray, Ölfarbe, Kreide oder Papier auf Papier. Geordnet haben die Ausstellungsmacher diese Ausprobier-Fülle unter typische Beuys-Kategorien: Pflanzen und Landschaft, Tiere, Frauen, Entwürfe für Skulpturen, demokratische Ideen und „Partituren“, die vielleicht am deutlichsten schildern, wie bei Beuys das Entstehen der Kunst durchs Zeichnen/Schreiben funktioniert. Das System ist für uns undurchschaubar – und faszinierend.

Für den Kriegsheimkehrer besiegelte die Hinwendung zur Kunst die endgültige Abstoßung des Systems, das die Menschenvernichtungs-Maschinerie möglich gemacht hatte. Das früheste Blatt in der Schau stammt von 1945 und ist romantisch: „Nächtliches Zypressenbild“, „mein Liebling“, wie Schirmer sagt. Die anderen Arbeiten zeigen einen Beuys, der energisch wegstrebt vom Gewohnten. Ab und zu finden sich noch Zeichnungen, die den sicheren, zu versierten Strich verraten. Den will der Künstler abstreifen. Ein Trick dabei ist, scheinbar die Materialien aus dem Ruder laufen zu lassen. So ist seine „Fabrik auf dem Berg“ von 1949 ein Fleckengebräu, das in eine Flasche gebannt zu sein scheint. Und oben im Flaschenhals sitzt winzig eine Burg. Etwas geschehen lassen, das brachte Joseph Beuys weiter – genauso wie die absolute Beherrschung. Mag der „Rote Hirsch“ (1972) noch so entspannt hingegossen sein, so steckt doch eiserne Übung dahinter. „Den hat er 50 Mal gemacht“, merkt Schirmer an. „Er tauchte die Rückseite eines Bleistifts ins Tuschefass und hielt einen Tropfen übers Papier. Fiel der und war das Ergebnis wie gewünscht, kam der nächste Tropfen dran. Ich habe mich immer gefragt, wie er seine Hand nur so ruhig halten konnte.“

Ruhe ist auch das, was der Besucher für die Exposition benötigt beziehungsweise was sie ihm in die Seele senkt. Ob man nun weiß, dass Existenzialismus, Goethe und Rudolf Steiner für Beuys’ Denkwelt von Bedeutung waren, ist dabei nicht entscheidend. Spannend ist eher, wie einer zwischen naiven Häschen, detaillierten Skeletten, Listen von Kräutern, kalligrafisch anmutenden Aktstudien, gegenstandslosen Flächenuntersuchungen und Politplakaten pendeln kann. Dazu gehört selbstverständlich das Privatissimum mit Sohn Wenzel, der mit dem Papa krakeln durfte. Durch diese Vielfalt wird die Schau zum wundervollen Pendant der Dauerausstellung zu Beuys’ Schaffen im ersten Stock. Und es ist herrlich, die Bezüge herstellen zu können, zumal dort nicht nur auch die Schenkungen von Lothar Schirmer zu sehen sind, sondern nun die Neuzugänge: das „Fluxusobjekt“ (1962) und die „Große Bronze mit weichen Rillen“ (1947-1971).

Bis 18. März 2018

Di. 10-20 Uhr; Mi.-So. 10-18 Uhr; Katalog, Verlag Schirmer/Mosel: im Museum 39,80 Euro, sonst 49,80 Euro.

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