1. Startseite
  2. Kultur

NS-Täter in Bayern: Werkzeuge der Gewaltherrschaft

Erstellt:

Von: Dirk Walter

Kommentare

Drei Personen in Schwarzweiß.
„Ein klarer NS-Täter“: Erwin Rommel ist für Wolfgang Proske einschlägig belastet. © arte/Nat. Archives Washington

„Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ – so heißt eine Buchreihe, die der ehemalige Lehrer Wolfgang Proske aus Heidenheim (Baden-Württemberg) initiiert und im eigenen Kleinverlag veröffentlicht hat. In zehn Bänden erschienen über 200 Biografien von Tätern im Nationalsozialismus aus Baden-Württemberg. Nun wird die Buchreihe nach Bayern ausgedehnt – zwei Bände für Schwaben sind seit kurzem verfügbar.

Wie viele Biografien haben Sie bis jetzt veröffentlicht, wie viele sollen es noch werden?

Bisher haben wir 260 publiziert, bis 2025 sind insgesamt 20 Bände mit 450 Artikeln geplant, verfasst von 250 Autoren. Das klingt viel, das Buchprojekt kann aber angesichts einer halben Million NS-Täter nur exemplarisch vorgehen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

NS-Täter sind, wie der Titel der Buchreihe schon sagt, Täter, Helfer und Trittbrettfahrer. Täter sind Personen, die in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie Verbrechen begingen. Wir sind frei in der Auswahl, es gibt nur zwei Vorgaben: wissenschaftliches Arbeiten, quellenorientiert und faktenbasiert. Und zweitens: kein Rechtsradikalismus. Die Auswahl ist manchmal subjektiv, das gebe ich zu. Das liegt auch daran, dass wir viele Fälle nicht kennen und nie kennen werden. Und es hängt auch von den Quellen ab, ob eine Biografie entstehen kann.

Es gibt also auch Lücken.

Sicher. Beispielsweise ist die Erforschung der Täter bei den Arisierungen eine riesige Lücke. Dazu bräuchte es auch Autoren, die sich Familien nähern, die noch heute letztlich profitieren von den Untaten der Ahnen.

Sie schonen auch bekanntere Namen nicht.

Natürlich nicht. In den baden-württembergischen Bänden stachen zwei Personen heraus, die kontrovers diskutiert wurden. Der eine Fall war Erwin Rommel, lange Hitlers Lieblingsgeneral, den ich als klaren NS-Täter benenne – ein Werkzeug der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Nur Rommels Niederlage in El Alamein 1942 verhinderte die Deportation von 700 000 nordafrikanischen Juden in die Todeslager. Der zweite Fall ist Konrad Gröber, Erzbischof von Freiburg, der in den frühen Dreißigerjahren fungierte wie ein NS-Statthalter. Er hat NS-Forderungen durchgesetzt, war förderndes Mitglied der SS 1934 bis 1938.

Ihr Ziel ist es, Kontroversen zu erzeugen.

Ziel ist nicht die Kontroverse an sich. Es geht darum, aufzuklären auf einer regionalen und lokalen Ebene. Die Fixierung auf die großen Namen ist nicht ausreichend, um zu verstehen, warum sich der Nationalsozialismus so hartnäckig in Deutschland festsetzen konnte. Wir brauchen Täterforschung vor Ort – das ist bisher unterbelichtet.

Sind Biografien besonders geeignet, NS-Geschichte zu vermitteln?

Ja, sie bieten die Möglichkeit zu einer zielorientierten Recherche in den Archiven. Gerade auf der lokalen Ebene gibt es noch viele tausend Fälle, die ausgegraben werden können.

Ein Mensch
Wolfgang Proske ist ehemaliger Lehrer. © Privat

Die Bände zu Oberbayern stehen noch aus.

Oberbayern wird 2023 in drei Bänden erscheinen: München,  Oberbayern-Nord  und -Süd. Das Buch für München ist schon randvoll, in der Region suchen wir in Einzelfällen noch Autoren.

Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

Eine Fortsetzung für andere Bundesländer oder auch Österreich wäre vorstellbar. Aber ich weiß noch nicht, ob ich das nach dann 15 Jahren machen werde.

Gibt es auch Anfeindungen?

Eher versteckt. Die Generation der Täter lebt nicht mehr, und Neonazis fehlt meist das Wissen, um inhaltlich einsteigen zu können. In meiner Lokalzeitung erschien zum Beispiel nach meiner Ehrung mit der Verdienstmedaille des Ministerpräsidenten Kretschmann ein gehässiger Leserbrief eines ehemaligen Bundesrichters. Proske sei ein übereifriger und unwissenschaftlicher Nazijäger, hieß es darin. Er ärgerte sich darüber, dass ich Rommel als Kriegsverbrecher einstufe, der in Nürnberg vor Gericht gestanden hätte – wenn er nicht schon vorher gestorben wäre. Er nannte das eine juristisch unhaltbare Spekulation. Mit solchen Sachen habe ich zu tun, da geht es um Stimmungsmache. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.

Wolfgang Proske (Hg.):

„Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“. Kugelberg Verlag, Gerstetten; zuletzt erschien der Band 12 für das Allgäu, 392 Seiten; 23,99 Euro.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion