Werner Herzog, gerade Jury-Präsident der Berlinale, vermisst in der Fremde vor allem „Brezn mit viel Salz“. Foto: dpa

Werner Herzog im Porträt: Lupenreines Bairisch

München - Der Münchner Werner Herzog gründete mit 21 seine eigene Produktionsfirma. Berühmt wurde er durch seine extremen Filme. Heuer ist er Jury-Vorsitzender der Berlinale.

Das Überraschende an einem Treffen mit Werner Herzog (67) ist zunächst einmal sein Dialekt. Lupenreines Bairisch schlägt einem entgegen, und das verblüfft doch, schließlich ist Herzog sein ganzes Leben lang ein Weltenbummler gewesen und hat seinen festen Wohnsitz seit bald 20 Jahren in den USA. „Das Bairische ist das Einzige, was ich an München vermisse“, sagt er dann in diesem unvergleichlichen Tremolo und fügt verschmitzt an: „Und frische Brezn mit viel Salz darauf.“

Drei Tage sollte der Verfasser dieser Zeilen 2007 mit dem Mann verbringen, vor dem man ihn zuvor eindringlich gewarnt hatte. „Schwierig“ ist da noch das netteste Wort, das fällt. Die Palette reicht bis „rettungslos geistesgestört“. Aber der Mann entpuppt sich als ausnehmend freundlich, höflich und hochprofessionell. Einer, der mit 21 Jahren – ohne Vorkenntnisse – eine eigene Filmproduktionsfirma gründet und für seinen ersten Kurzfilm eine Kamera aus der gerade erst gegründeten Münchner Filmhochschule stiehlt, so einer muss ein bisschen irre und größenwahnsinnig sein. Dazu passt, dass er nicht daran denkt, an der Filmhochschule zu studieren. Er wollte drehen, arbeiten, leben – und nicht über Film quatschen.

„Film ist eine athletische Angelegenheit“, sagt Herzog dazu. Schon als Mittzwanziger holt er sich mit dem Langfilmdebüt „Lebenszeichen“ einen Preis bei der Berlinale und den Deutschen Filmpreis ab. In der Folge erwirbt er sich mit extravaganten, bewusst artifiziellen Filmen den Ruf eines verrückten Genies. Dieses vermeintlich verrückte Genie sitzt sehr ruhig da und zieht einen in seinen Bann mit den Geschichten vom Kampf gegen die Gewalten, die existenzielle Bedeutung der Kunst und den Schaffensprozess als Angelegenheit, bei der es um Leben und Tod gehe. Das alles in diesem faszinierend vibrierenden Bairisch, in dem selbst die Schilderung des morgendlichen Zähneputzens als dramatischer Akt erscheinen würde.

Nicht, dass Herzog nicht selber daran glauben würde, was er erzählt. „Die Ekstase der Wahrheit“ treibt den Mann ja wirklich um. Was aber alle unterschätzen, ist der Humor von Werner Herzog. Es ist ein sehr sperriger, hermetischer, man ist versucht zu sagen, bayerischer Sinn für Humor. Es ist Herzog egal, ob andere seinen Humor verstehen. Als ein Reporter Herzog nach seiner Lieblingsbar in München fragt, kommt die trockene Antwort, er gehe gerne in die Alte Pinakothek und betrachte die Alexanderschlacht.

So wie er sich die Freude an einem gelungenen Witz nicht anmerken lässt, hält er sich auch mit Genugtuung über Wertschätzung zurück. Aber es muss ihn gewurmt haben, dass Zuschauer in New York schon mal vor den Kinokassen zelten, wenn eine Werkschau von ihm läuft und er in seiner Heimat fast vollständig ignoriert wurde. Obwohl er heute als mit Abstand bedeutendster lebender deutscher Filmemacher gelten darf. Erst langsam, zögerlich wird die Leistung des Mannes wieder anerkannt. Zuerst in seiner Geburtsstadt München, wo ihm das Filmfest 2007 die erste umfassende Retrospektive widmete. Immerhin: In München wurde er als Werner Herzog Stipetic geboren, hier hat immer noch seine Firma ihren Sitz und hier startete seine Karriere.

Wenn am Donnerstag die 60. Berlinale eröffnet, ist Werner Herzog Präsident der Jury – eine Geste des Respekts des Festivals, das sich sonst gern nur mit Hollywood-Stars schmückt. Er hat Filmgeschichte geschrieben und sich dabei immer den Mechanismen der Filmindustrie widersetzt. Hat für „Fitzcarraldo“ ein echtes Schiff über einen echten Berg geschleppt – mit dem Quartals-Tollwütigen Klaus Kinski an Bord. Er hat vor laufender Kamera einen Schuh aufgegessen und einmal Joaquin Phoenix aus einem Autowrack gezogen. Er ist der Mann, der auf die Frage, wie viele Filme er im Jahr ansieht, antwortet: „Ich weiß nicht. Vielleicht...“ – hier folgt eine Kunstpause – „...zwei“. Er lächelt. Nur so, für sich.

Von Zoran Gojic

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