Werte im dreistelligen Millionenbereich

München - Das Münchner Stadtmuseum am St. Jakobs-Platz, 1888 gegründet, ist eine Schatztruhe, die Überraschendes, Wertvolles und Skurriles enthält. In loser Folge stellen wir die Sammlungen von Fotografie über Möbel und Mode bis zum Puppentheater vor. Anlass ist das 850. Stadtjubiläum in diesem Jahr und die Wiedereröffnung des derzeit auf Sparflamme agierenden Museums nach der Renovierung: am 6. Juni mit "Typisch München!"

Wer das Münchner Stadtmuseum und seine Sammlungen liebt, sagt natürlich auch jetzt noch: Fotomuseum. Auch wenn Stadtrat und Ex-Kulturreferentin beschlossen haben, dass es im Haus außer dem Filmmuseum nur noch Abteilungen geben darf. Aber welche "Abteilung" hat schon 800 000 Bilder, rund 1,2 Millionen Negative, dazu noch Dias sowie eine Riesen-Bibliothek inklusive alter, extrem seltener Fotobücher? Das ist ein veritables Museum und obendrein eines der wichtigsten in Europa.

Die Werte, die in seit 2005 ausgebauten Archivräumen lagern, bewegen sich im dreistelligen Millionenbereich. Denn man besitzt nicht nur die Klassiker der Fotografie von Atget über Capa bis Sander, sondern neben den Foto-Vorläufern, Daguerreotypien, auch Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert. Und für ein Bild von Franz Hanfstaengl aus den 1850er-Jahren werden heute um die 150 000 Euro bezahlt.

Ulrich Pohlmann leitet seit 1990/91 das Fotomuseum mit höchstem Erfolg; hat es zu einer angesehen Institution für Ausstellungen der Fotografie als visuelles Medium gemacht. Das bedeutet, dass fast schon automatisch weitere Preziosen in die Sammlung gelangen - obwohl der Ankaufsetat von der Stadt gestrichen worden war. "Für 2009 wollen wir wieder einen beantragen", meint der Chef, der berichtet, dass gerade Anstöße von außen Geburt und gesundes Wachstum des Museums förderten.

"Die Initiative für ein Fotomuseum geht bis in die 20er-/30er-Jahre zurück", so Pohlmann. "Der Kern war der Ankauf der Fraunhofer-Werkstatt. Die Idee damals war ein Museum für Fotografie im Bereich Technik und Optik." Schließlich gab es in München die entsprechenden Unternehmen, Fotoschulen und -akademien entstanden ebenfalls. "Der Deutsche Fotoindustrie-Verband, Staat und Stadt schlossen sich zusammen", erzählt der Museumsleiter, "um das Museum zu verwirklichen". 1963 war es soweit. "Anfänglich ein reines Vitrinen-Museum nach dem Motto ,5000 Objektive sehen dich an", schmunzelt Pohlmann. "Die Fotografie als Bildmedium" war nicht vorhanden.

Ein neuer Schub kam ebenfalls von außen. Josef Breitenbach (1896-1984) überließ 1977 dem Haus seine Sammlung. Der gebürtige Münchner, der wegen der Nazis ins Exil gehen musste, war seiner Heimat so verbunden, dass er ihr trotzdem eine großartige Gabe vermachte: 10 000 Originale und 350 Arbeiten von ihm selbst. "Breitenbach unterrichtete in New York, deswegen hatte er eine Lehrsammlung angelegt: Er hat enzyklopädisch gesammelt. Damit hatten wir Aufnahmen von allen großen Namen." Und damit verlagerte sich der Schwerpunkt des Museums "weg von der Industrie und weg vom rein Münchnerischen Bild". Die Basis für ein internationales Museum war gelegt.

Die Grafiksammlung des Stadtmuseums besaß bereits einen Fundus von Fotografien aus dem 19. Jahrhundert. Auf diese Weise hatte man berühmte Persönlichkeiten verewigt, aber auch den Stadt-Wandel oder Ereignisse wie den Transport der gigantischen Bavaria zur Theresienwiese. Pohlmann möchte die Kulturgeschichte "mit unserer Alltagsgeschichte verweben. Fotografie vermittelt Wirklichkeit, vor allem aber vermittelt Fotografie Wirklichkeits-Bilder". Und er ist ein aufmerksamer Beobachter des Alten und Neuen. Aktuelle Fotografie, egal ob von Berühmtheiten wie Annie Leibovitz oder von echten Anfängern, findet am St.-Jakobs-Platz eine Plattform.

Das spüren die Besucher, die Fotografen und Menschen, die eher zufällig in Zeitungen oder im Internet auf Werke des Museums stoßen. "Vieles wächst einem zu", erzählt Ulrich Pohlmann. Fotografen kämen mit ihren Archiven, oder man bekomme den Nachlass angeboten: "Eine ältere Dame rief an und sagte: ,Sie haben doch Fotos von Elfriede Reichelt. Ich habe den Nachlass. Wenn Sie mich besuchen, bringen Sie gleich zwei große Koffer mit." Strahlend zeigt Pohlmann die Ausbeute dieser Reise: ein komplettes Œuvre von Aktstudien - wie mit dem dicken Kohlestift stimmungsvoll geformt - bis zum naturalistischen Genrebild oder der raffinierten Reklame-Aufnahme.

Natürlich begeistert sich Pohlmann besonders für die Zusammenarbeit mit den Fotografen selbst, denen er Respekt für ihr Schaffen und Offenheit entgegenbringt. Thomas Hoepker ist ihm da noch tief im Gedächtnis. Vor zehn Jahren meldete sich dessen Agentin aus New York, eine Bildagentur werde aufgelöst. So kamen mehrere Kisten mit 5000 bis 6000 Hoepker-Originalen nach München. Und der Kontakt blieb bestehen - bis die Ausstellung Gestalt annahm. "Aus einem Bilderberg suchten wir erst 2000 Fotos aus. Dann reduzierten wir auf 800. Schließlich waren es 300. Eine Situation ist mir unvergesslich. Auf Hoepkers Bildschirm erschien sein Foto vom 11. September 2001 - diese frohen Menschen beim Ausflug ans Wasser und im Hintergrund das Katastrophen-Menetekel. Es beeindruckte mich tief. Je länger wir es anschauten. Das war bewegend: Man entdeckt zusammen ein Bild, das man alleine so nicht gesehen hätte."

Obwohl Ulrich Pohlmann seine "Abteilung" selbstbewusst als Fotomuseum vertritt, schätzt er am Stadtmuseum, dass "die Symbiose mit den anderen Sparten fruchtbar ist". Er selbst arbeitete in der Gruppe für die Neukonzeption des Stadtmuseums mit, bevor das "Typisch München!"-Team konkret tätig wurde. Der Foto-Beitrag für diese Schau ist eher dienend. "Wir stellen 30, 40 Fotografien als Faksimile, die im Kontext der Stadtgeschichte wichtig sind. Das kann kein repräsentatives Abbild unserer Sammlung sein."

Die wird ihre Stärke wieder ab 18. April mit dem jungen Olaf Unverzart ausspielen, dem eine Kennenlern-Chance geboten wird, und ab 30. April mit Dimitri Soulas. Auch sein Archiv aus den 60ern/70ern - Münchens Bürger samt Promis - fand im Stadtmuseum eine Heimat.

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