Werther trifft Romeo

- Nein, es sind nicht allein die wie Leuchtraketen in endlose Höhen schießenden, funkelnden Spitzentöne, die das Publikum in den Freudentaumel treiben. Es ist viel mehr: das Gesamtpaket Rolando Villazon. Er krönte, begleitet vom Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Michel Plasson, den lauen sonntäglichen Sommerabend mit einem französisch-italienischen Arien-Potpourri und ließ seine begeisterten Zuhörer vergessen, dass sie im prallvollen Münchner Herkulessaal schwitzten und nicht an der Lagune entspannten.

Knapp 40 Minuten lang feierten sie den jungen Mexikaner, der ihnen strahlend Zugabe um Zugabe spendierte - mit schier unerschöpflicher tenoraler Bravour, mit großem Gefühl, augenzwinkerndem Witz und unwiderstehlichem Charme. Doch zurück zum Gesang. Der ist von einer Qualität, die sämtliche Tenorkollegen auf ihre Plätze verweist. Natürlich fasziniert die Höhe durch ihre Strahlkraft wie durch ihre mühelose Natürlichkeit. Doch was fast noch mehr beglückt, ist das Davor und das Danach: Musikalisch hochsensibel gestaltet Villazon jede Phrase, setzt geschmackssichere Akzente, betört im Mezzavoce und besticht mit edlem Piano. <BR><BR>Schon in der ersten "Werther"-Arie saß die Stimme mit dem männlich baritonalen Timbre perfekt. Langsames Warmlaufen war an diesem Abend nicht erlaubt, denn die Kameras zeichneten auf. Kein Problem für den 33-Jährigen, der die Tenor-Hits locker und unbeschwert aufreihte, sich langsam vom lyrischen Schmelz und der geschmeidigen Eleganz eines Romeo (Gounods "Romeo et Juliette") und Don José´ (Bizets "Carmen") zum dramatischeren Rodrigue (Massenets "Le Cid") vorarbeitete, bevor er mit Italianitá´ (von Donizetti über Verdi, Puccini bis Cilea) auftrumpfte. Stilvoll natürlich, mit fein moduliertem Klang und ohne jeden Anflug von Schwulst. <BR><BR>Als idealer, stilistisch flexibler Sänger-Begleiter fungierte das üppig besetzte Münchner Rundfunkorchester. Vom freundlichen, souveränen Michel Plasson ließ es sich auch in den "Zwischenspielen" herausfordern, musizierte so präzis, so differenziert und so duftig, dass es vom großen Jubel ein gutes Stück abbekam. Und dazu noch Blumen, die Villazon und Plasson eigenhändig aus ihren Sträußen zupften. <BR>

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