Werwolf oder Waschlappen

- Da werden Weiber zu Hyänen. Und der Rest der Menschheit zu irgendeinem anderen Getier, zu Pferden, Hunden, Hühnern oder Schafen. Vor allem zu Schafen. Jedenfalls bei Leonora Carrington (86), jener malenden und schreibenden Vertreterin des Surrealismus', deren Stück "Das Fest des Lamms" jetzt in den Münchner Kammerspielen Premiere hatte. Jossi Wieler inszenierte dieses absonderliche Familien-Psychogramm aus dem Jahr 1940 als eine haarscharfe Analyse von Wahn und Gewalt, von Liebe, Obsession, Gier und Besitz.

Chefdramaturg Tilman Raabke hat die von Gespenstern und skurrilen Zoologie-Exemplaren nur so wimmelnde Textvorlage radikal entschlackt. Indem er das Drama - akustisch jedenfalls - in einen filmhistorischen Rahmen stellt, Vorspann und Drehbeginn zu Godards "Verachtung" (1963), ist das Geschehen auf der Bühne mit einer gewissen Distanz zu betrachten.

Spiel mit dem Grauen

Die so wahre wie auch banale Botschaft der Leonora Carrington, dass der Mensch des Menschen Wolf sei, wird hier, nun edel verpackt, in der kühlen Ästhetik anspruchsvollen Boulevards offeriert. Und die Figuren changieren zwischen Komödienwitz und antiker Größe.

So auch die Bauhaus-orientierten Bühnenbilder von Jens Kilian: zuerst eine Art Veranda eines großbürgerlichen Wohnambientes; dann die riesige Küche als Schlachthaus, in dem hinter breiter Plastikplane die Kadaver von zwölf Lämmern aufgehängt sind. Ein Bild, das das Premierenpublikum zu spontanem Beifall hinriss.

In diesen Luxusräumen der Konversation und des Grauens bewegen sich die Schauspieler lemurenhaft und geheimnisvoll: äußerlich elegante Menschen der Upperclass der 40er-Jahre, in ihren Instinkten aber tierisch, in ihren Trieben animalisch. Mit ihren Rollen verkörpern sie gleichzeitig und andeutungsweise auch ein bisschen jene Fabelwesen, die aus dieser Stückfassung gestrichen wurden. Die Frauen, wenngleich Opfer, so doch knallharte Vernichterinnen. Die Männer: Werwolf oder Waschlappen. Wer nicht Schlächter ist, wird geschlachtet. Und das zum "Fest des Lamms", womit hier Weihnachten, das Fest des Friedens gemeint ist. So schmückt denn auch ein kleines, von Bild zu Bild mit mehr Kugeln versehenes Tannenbäumchen als witziges Weihnachts-Zitat die Szene.

Die aber wird beherrscht von durchweg sprachlich wie gestisch gut und klug geführten Schauspielern. Vor allem von der großartigen Hildegard Schmahl. In blühender Üppigkeit spielt sie die Mutter vom Ganzen. Das Obertier. Schnuppernd, witternd, geil und gierig, sich unruhig den runden Körper reibend, Kammerdiener wie Stubenmädchen packend oder lüstern auf dem Sofa ihr gewaltiges Hinterteil Hund Henry, dem alt gewordenen Liebhaber, feilbietend. Darüber hinaus gibt die Schmahl die so komische wie erschreckende Studie einer machtbesessenen Sohnes- und Schwiegermutter, deren Kinder gefährliche Psychopathen sind, die sie schon mal mit einem ausgestreckten Heilsgruß nazihaft glorifi-ziert. Monster gebären Monster: äußerst grotesk zwischen Muttersöhnchen, glücklosem Liebhaber und Gewaltmensch Michael Wittenborn als Philip; von lässig-zärtlicher Grausamkeit Hannes Hellman als werwolfiger Bruder Jeremy.

Exzellente Unterhaltung

Ein Extra-Kabinettstück gelingt Mira Partecke und Matthias Bundschuh als junges Dienerpaar Violet und Robert. Von liebenswerter Skurrilität und hanebüchener Unschuld alle beide, so dass sie in der großen Küche trotz Paarungsbereitschaft einfach nicht zusammenkommen. Wenn Partecke auf den Herd den Plattenspieler stellt, wenn sie lämmchengleich schüchtern mit ihrem zuckenden Körper lockt und Bundschuh sich jedoch mehr als Theoretiker denn als Praktiker erweist und so dem Lämmer mordenden Jeremy das Mädchen überlässt, dann ist das von gleichsam komischer wie anrührender Intimität.

Insgesamt ein Edelkrimi, in dem an dieser Stelle nicht jeder Frage nachzugehen ist. Die Unwahrscheinlichkeiten und Geheimnisse sollen unaufgeklärt, die Spannung muss gewahrt bleiben. Jossi Wieler und den Kammerspielern ist ein exzellentes Stück guter Unterhaltung gelungen.

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