Das Wesentliche gewürdigt

- Zunächst die Klarstellung. Dieses Buch ist kein weiterer Roman des Literatur-Nobelpreisträgers von 1998. Auch kein Touristenführer durchs westlichste Land Europas, obwohl's der Titel nahe legt. Tagebuch? Nicht ganz. Urlaubs-Aufzeichnungen? Irgendwo dazwischen rangiert "Die portugiesische Reise" von José Saramago. Ein Meister-Romancier fährt durchs eigene Land, startet im Norden, in Miranda do Douro an der spanischen Grenze, und erreicht Hunderte von Kilometern und sechs Kapitel später die Algarve.

<P>Die Orte heißen Junquera, Antas, Oliviera de Azemé´is, natürlich Lissabon oder Vila Real de Santo Antó´nio, weisen mehr oder minder prächtige, religiös oder kunsthistorisch belangvolle Gotteshäuser auf, werden durch imposante Bergzüge, idyllische Ebenen oder malerische Flusstäler getrennt. "Diese Dinge verdienen eine Huldigung", schreibt Saramago. Und wen interessiert das? Portugal-Fans auf jeden Fall, eigentlich jeden Reisefiebrigen. Denn Saramago hat eine liebevolle wie emphatische, detaillierte wie ungewöhnliche Hommage an sein Land verfasst - mehr als das: einen Führer übers Reisen an sich.</P><P>"Hier soll die Rede von Eindrücken sein, von Blicken, die umherwandern und das Risiko eingehen, das Wesentliche zu übersehen, weil sie sich von Nebensächlichem gefangen nehmen." In einer Zeit, in der sich Urlaub durch Strand und Animation, bestenfalls durch inszenierte Lehrtrips à la Studiosus definiert, in der also Urlaub mit kreativer Entdeckungsfreude nurmehr wenig zu tun hat, scheint Saramago etwas Verlorengegangenes zu beschwören.</P><P>"Diese Dinge verdienen<BR>eine Huldigung"</P><P>Natürlich ermüdet seine Kirchen-Parade zuweilen (Was sollte man sonst in Mini-Weilern besichtigen?), das dauernde Fragen nach dem Schlüssel für Kapellen, die Schilderungen von Portal-Verzierungen oder Heiligenstatuen, die unverhohlene Ablehnung barocken Zierrats oder zeitgenössischer Architektur, die wiederholten "wunderschönen" Blicke auf "herrliche" Landschaften.</P><P>Doch entfaltet Saramagos Opus einen eigentümlichen Sog. Man kann sich mittragen lassen von dieser Fahrt, kann bei manchen Absätzen länger verweilen, anderes in flotterem Tempo hinter sich bringen, kann auch mitten drin zusteigen. Das Lesen wird hier selbst zur Reise. Und die Prophezeiung: Wer sich diesem Buch geöffnet hat, wird künftig Wunder abseits der TUI-Touren würdigen, gedankenverloren einen Baum betrachten, die Ornamente einer Fassade, auch das Arrangement eines Dorfplatzes oder die Schattenspiele vorbeiziehender Wolken. Kurz: Wer Saramago genossen hat, reist anders.</P><P>José Saramago: "Die portugiesische Reise". Aus dem Portugiesischen von Karin und Nicolai von Schweder-Schreiner. Rowohlt Verlag, Reinbek. 606 Seiten, 24,90 Euro.</P><P> </P>

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