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Mit Slapstick, Humor und selbstbewusster Weiblichkeit: Die Mädchen aus Puerto Rico singen, tanzen, leben den Hit „America“.

"West Side Story" im Deutschen Theater

München hat seinen Musical-Tempel wieder

München - Das neue Deutsche Theater ist am Donnerstag mit "West Side Story" eingeweiht worden. Hier lesen Sie die Kritik dazu.

Der wichtigste Hauptdarsteller dieses Premierenabends stand nicht auf der Bühne. Es war die Bühne – und mit ihr das ganze neue, alte Haus an Münchens Schwanthalerstraße. Mit Leonard Bernsteins „West Side Story“ wurde das Deutsche Theater wiedereröffnet, und Joey McKneelys exakt gearbeitete Inszenierung des 1957 uraufgeführten Genre-Klassikers macht Stunk und Pfusch der langen Sanierungsphase vergessen. München hat seinen Musicaltempel wieder. Endlich.

Sie haben aber auch vieles richtig gemacht bei dieser Wiedereröffnung. Die frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“ erzählte Geschichte von der Grenzen ignorierenden Liebe in Zeiten eines derben Bandenkriegs zwischen US-Boys, den Jets, und den Sharks aus Puerto Rico tippt an die ganz großen Gefühle: Hass, Eifersucht, Neid, Sehnsucht. Obendrein hat die „West Side Story“ eine Hit-Dichte wie ein gepflegter New Yorker Rush-Hour-Stau: „Maria“, „Tonight“, „America“, „Somewhere“, „I Feel Pretty“ – süffiger, verträumter und verspielter sind wenig andere Musicalnummern. Es ist zum Schwelgen.

"West Side Story" im Deutschen Theater - Bilder

"West Side Story": Bilder von Bühne und Rotem Teppich

Joey McKneely inszenierte und choreographierte den zwei Stunden vierzig Minuten langen Abend (eine Pause) unterhaltsam und entdeckte dabei wirklich berührende Momente, die ja in diesem Genre eher rar sind. Liam Tobin zeigt Tony als jungen Mann, der überzeugt ist, dass das Leben mehr bereithält als das trostlose, aber raffiniert wandelbare Mikado aus Feuerleitern, das Paul Gallis auf die Bühne geworfen hat. In Maria – Rachel Zatcoff spielt sie als aufgeweckte junge Frau – scheint Tony seine persönliche Rettungsleiter aus der Hinterhof-Tristesse gefunden zu haben.

Vor allem aber ist diese Produktion, die sich am Original von Jerome Robbins orientiert, frisch, temporeich und eindrucksvoll körperlich. Das großartig aufgelegte Ensemble überzeugt gerade in den Massenszenen, in den brutal getanzten Auseinandersetzungen zwischen Jets und Sharks: Testosteron-Typen auf beiden Seiten, die einen mit dem mindestens achtspurigen Selbstbewusstsein, gebürtige New Yorker zu sein. Die anderen den Makel der fremden Herkunft durch nicht minder dicke Hosen wettmachend. Es ist eine Welt der Männer, voller Gockelgehabe und dauererigierter Bizepse.

McKneely lässt seine Darsteller jede auch noch so kleine Bewegung bis zu deren Abschluss bewusst und dynamisch gestalten. In den besten Momenten erinnern die Tanzkämpfe an Schlachtengetümmel: Bernsteins Musik kündet von Gewalt, die Darsteller treiben konzertiert die Aggressionen hoch. Eine Prügelei kann erschreckend ästhetisch sein. So vermittelt sich diese Rivalität, die sich ihrem blutigen Finale entgegenschraubt, durch Bewegung – und nicht durch Äußerlichkeiten. Renate Schmitzers Kostüme für Jets und Sharks sind zwar unterscheidbar, dabei jedoch wohltuend zurückhaltend.

Die „West Side Story“ erzählt auch von einer Zeit, in der Frauen noch aufs Fingerschnippen ihrer Typen reagierten. Ein Glück, dass McKneely dennoch den Funken der Emanzipation entfacht, gerade in den Szenen der Puerto Ricanerinnen. Sie bringen Schlagfertigkeit, Witz, selbstbewusste weibliche Erotik in den Abend. Allen voran Penelope Armstead-Williams, deren Anita am Ende allein durch Blicke den rassistischen Lieutenant von John Wojda dazu bringt, ihr aus dem Weg zu gehen. Eine derart starke Frau passt jedoch nicht in die maskulin-engstirnige Fünfzigerjahre-Welt der Mietskasernen samt Feuertreppen, die hier für niemanden Fluchtweg sein werden: Anita wird von den Jets vergewaltigt, als sie Tony eine Botschaft von Maria überbringen will. McKneely zeigt die Tat in einer für das Genre ungewöhnlichen Härte. Gut so, denn die Welt ist auch im Musical nicht nur Heiteitei.

Diese Schonungslosigkeit hätte man sich allerdings für die deutschen Übertitel ebenfalls gewünscht: Die Übersetzungen von Stephen Sondheims Texten sind oft allzu weichgespült. Schade.

Wunderbar dagegen, was sich im Graben tut. Donald Chan setzt das Orchester unter Dampf, ohne es heißlaufen zu lassen. Die Musik klingt frisch, dynamisch und kristallklar. Wer noch den abgestandenen Rührei-Klang aus dem Eierkarton-Saal im Ohr hat, wird wohl ungläubig lauschen, sich umschauen und feststellen: Doch, doch, man sitzt im Deutschen Theater. Was bei der Renovierung geleistet wurde, ist eindrucksvoll zu hören: Die Instrumentengruppen sind fein zu unterscheiden, fügen sich elegant und in selten gehörter Präzision zum Gesamtklang. Dass sich da die Holzbläser in „America“ mit der Schärfe eines Diamantschneiders dem Trommelfell nähern – geschenkt. Auch Chan und seine Musiker müssen den Saal erst kennenlernen. Und das lohnt sich.

Begeisterter Applaus, Standing Ovations.

Michael Schleicher

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