Vom Westen enttäuscht

- "Was hält der von uns, dass er in unserem Land, in unseren Zeitungen so zu uns spricht? Was haben wir falsch gemacht, dass er das wagt?" Das fragte sich die Schriftstellerin Monika Maron, als Wladimir Putin wenige Tage, nachdem Anna Politkovskaja vor dem Fahrstuhl in ihrem Haus erschossen wurde, bei seinem Besuch in Berlin sagte: Politkovskaja sei eine radikale, aber im eigenen Land unbedeutende Journalistin gewesen; ihr Tod schade Russland mehr als ihre Artikel.

Wenn dem so wäre: Warum dann machten ihm seine Auftragskiller gerade zu seinem Geburtstag, dem 7. Oktober 2006, dieses Mord-Geschenk?

Die unerschrockenste, kritischste Stimme Russlands wurde gewaltsam zum Schweigen gebracht. Dass sie dennoch in der Welt nicht verhallt, im Gegenteil, dass sie laut und vernehmlich gehört wird, dafür sorgen die Bücher der Politkovskaja. Ihr nach dem Tod erschienenes "Russisches Tagebuch" wurde jetzt auf der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Große Menschenmenge in der evangelischen Kirche

Starker Schneefall ließ Leipzigs Straßen fast unpassierbar erscheinen. Dennoch eine große Menschenmenge in der Evangelischen Reformierten Kirche inmitten der Stadt. Ausgebuchtes Gotteshaus. Ein Abend in Erinnerung und im Gedenken an die Schriftstellerin, die zuletzt vor zwei Jahren selbst Gast der Leipziger Buchmesse war. Politkovskajas Verlag DuMont hatte ihr beziehungsweise ihrem letzten Buch noch einmal einen großartigen öffentlichen Rahmen geboten. Monika Maron hielt die Gedenkrede. Schauspielerin Iris Berben las aus dem "Russischen Tagebuch". Zwei starke Frauen, glaubwürdig in ihrer Empörung, ihrer Trauer, ihrer Leidenschaft für die Sache der Wahrheit, machten sich zu Fürsprecherinnen, zur Stimme der Politkovskaja.

Seit dem 7. Oktober 2006 sei der Name Anna Politkovskaja der deutschen Öffentlichkeit bekannt, sagte Monika Maron. Dabei hätte er das auch schon vorher sein können; denn es gab bereits zwei Bücher, in denen die Ungeheuerlichkeiten des Putin-Regimes beschrieben sind. Jeder Tote im Irak, in Guantanamo, jeder erschossene Palästinenser, so Maron, empöre uns mehr als die Ermordungen, Vergewaltigungen, Entführungen, Folterungen in Russland, als der endlose Krieg in Tschetschenien, als die Willkür in Inguschetien oder Dagestan. Als die zurückgenommene Pressefreiheit, der zunehmende Nationalismus, die Verelendung der Armen. Und als die Tatsache, dass die Wahlen in Russland zur Farce verkommen sind. Aber wen interessiere das alles in Deutschland, einem Land, in dem die Politiker "es vorziehen, Putin zu küssen, als ihn in die Schranken zu weisen"?

Maron fragte: "Warum ist unsere Empörung so matt?" und: "Was wissen wir von einem Mut, der lebensgefährlich ist?" Den Westen bezichtigte sie des unterlassenen Beistands. Er habe Politkovskaja zwar Preise verliehen. Aber habe das Fernsehen deswegen mehr über Tschetschenien berichtet? "Hat sich die SPD bis heute von ihrem Genossen Gerhard Schröder distanziert", der wider besseren Wissens Putin einen "lupenreinen Demokraten" genannt hat? Sind in Deutschland Tausende gegen den Krieg in Tschetschenien auf die Straße gegangen, wie sie es beim Irak-Krieg taten mit Transparenten: "Kein Blut für Öl"? Um Öl geht‘s auch in Tschetschenien.

Was sind die Ursachen für unsere Zurückhaltung, will Maron wissen. Sie mögen in "unserer Vergangenheit" liegen. Aber auch in der verbreiteten Annahme, das russische Volk sei nicht demokratiefähig, wie nach der Wende "auch die Ostdeutschen vielfach dafür gehalten wurden". Wenn aber das zutrifft, sei es dennoch unsere Pflicht, denen beizustehen, aus denen die Kraft zur Veränderung erwachsen kann.

Dieser Beistand wurde Anna Politkovskaja versagt. Ihre Versuche, die Welt darauf aufmerksam zu machen, wie es heute um Russland steht, blieben vergeblich. Die Ignoranz der Politik, auch der deutschen, enttäuschte sie zutiefst. "Ich bin eigentlich kein politisches Wesen", hatte Anna Politkovskaja einmal über sich geschrieben. Das mochte stimmen. Sie sah sich "lediglich" als Journalistin unbedingt der Wahrheit verpflichtet. Und dem menschlichen Anstand. Das machte sie so furchtlos, mutig, unerschrocken.

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