Im Westen was Neues

- Wenn wir an Chinas Kunst denken, dann vor allem an die Ton-Armee, an Kalligrafie und Tuschezeichnung oder farbmächtige Opern. Ebenfalls klar, dass chinesische Künstler in der aktuellen Szene eine gewichtige Rolle spielen. Aber dazwischen? Da scheint es nur noch Maos Sozialistischen Realismus zu geben. Umso größer die Überraschung bei der Schau "Shanghai modern", die nun in Münchens Villa Stuck zu sehen ist. Denn plötzlich taucht eine Klassische Moderne auf, mit der man als Westler überhaupt nicht gerechnet hat. Auch Museumschefin Jo-Anne Birnie Danzker nicht.

<P>Eigentlich hatte sie - vor Jahren - ein Projekt zusammen mit Ken Lum verwirklichen wollen, der war aber gerade dabei, eine Zeitschrift über chinesische Kunst herauszubringen. China wurde also zum gemeinsamen Nenner, überdies tauchte eine "Storm Society" auf. Was Deutsches steckte zwar nicht dahinter, dafür eine Künstlergruppe namens "juelanshe" nach "juelan", was so viel wie riesige Woge heißt (und mit "storm" übersetzt wurde). Die Woge sollte die ästhetischen Verkrustungen wegspülen: Deswegen holten sich die Chinesen Inspiration aus dem fernen Westen. Die Bewegung setzt etwa 1919 ein. </P><P>Immer mehr Verbindungen von China und Europa wurden für das Ausstellungsteam (mit dabei Zheng Shengtian) sichtbar, immer mehr Werke konnten "ausgegraben" werden. Durch die großzügige Unterstützung der chinesischen Museen können jetzt viele wichtige Arbeiten in München gezeigt werden. Daneben wurden Glücksfunde gemacht, wie ein Konvolut von Fotografien, die Long Chin San 1942 für eine Schau nach London schickte - und die bis heute dort verblieben.</P><P>Das Europa der 30er-Jahre war aufgeschlossen für das, was da aus dem Osten kam. Die Villa Stuck trieb diverse Kataloge aus der Zeit auf; Frankfurt hatte sogar ein eigenes China-Museum (im Krieg zerbombt). In der jetzigen Präsentation stehen Lin Fengmian und Liu Haisu für den Aufbruch in die Moderne und den internationalen Austausch. Man gründete 1912 in Shanghai eine Kunstakademie, setzte aber nicht nur auf Ölmalerei, sondern weiterhin auf die alte Tusche-Manier. Besonders beeindruckend in dieser Hinsicht, wie Lin den traditionellen mit dem neuen Stil im Aquarell kombiniert. Bei dem Bild "Der Yangtse" meißelt er trotz dieser leicht-fließenden Technik düstere Berg-Strukturen, legt dazu quer wie aus Holzbalken den mächtigen Fluss.</P><P>Aufstieg der Konkubine</P><P>Auch die Literati-Künstler Huang Binhong und Pan Tianshou verfolgen eine ähnlichen Strategie, nutzen außerdem die Möglichkeiten der Rollbilder. Die Villa kann eine fabelhafte Serie dieser schwarz dominierten, energiegeladenen Tuschearbeiten im obersten Geschoss vorstellen zusammen mit den malerischen, stimmungsvollen Fotos von Long Chin San. Bei den Gemälden sind vor allem Anregungen der Franzosen von Cé´zannes bis Matisse zu entdecken, aber auch Expressives und Neue Sachlichkeit. So "stilisiert" blickt uns Pan Yuliang streng und sehr präsent entgegen, ein Selbstporträt in westlicher Kleidung. Als Kind, früh verwaist, wurde sie an ein Bordell verkauft. Erst als Konkubine und schließlich Ehefrau eröffneten sich Pan andere Möglichkeiten. </P><P>Neue Wege wurden auch beim Holzschnitt beschritten, ebenfalls eine bekannte Technik. Die Künstler im Reich der Mitte nahmen sehr wohl die politischen und sozialen Verwerfungen sowie die internationalen Konflikte wahr; und sie sahen, dass die westlichen Kollegen gerade den Holzschnitt einsetzten (auch in Büchern und Broschüren), um gesellschaftliche Aussagen plakativ zu machen.</P><P>Noch mehr Breitenwirkung hatten natürlich herrlich süßliche Filmstar- und Zeitschriften-Bildchen, die von der Ausstellung genauso gestreift werden wie Architekturfotos und Mode. Schön, dass es zuletzt noch einen Ausblick auf die Gegenwartskunst gibt - die nun ganz und gar die internationale Sprache der Kunst spricht. Sei es Luo Yongjin, der zwei Hochhaustürme fotografisch erzittern lässt, sei es Wang Tiande, der kalligrafische Brandspuren legt.</P><P>14.10. bis 16.1., Katalog, Hatje Cantz Verlag: 39 Euro; Begleitprogramm und Infos Tel. 089/ 4 55 55 10.</P>

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