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Die Ausnahme-Geigerin Julia Fischer.

Interview zum Musikpreis

"Wichtig ist, dass ich spiele – egal wo"

"Instrumentalkünstlerin des Jahres": Julia Fischer über ihre Geige, ihre Lehrtätigkeit und 45 Minuten mit Putin.

Der Karriere-Steigflug dauert an: Julia Fischer, Ausnahmegeigerin aus Gauting, wird bei der Musikmesse in Cannes als „Instrumentalkünstlerin des Jahres 2008“ geehrt. Am 20. Januar erhält die 25-Jährige den Midem Classical Award. Zudem erscheint demnächst ihre neue CD mit Werken von Bach. Neben Aufnahmesitzungen und Konzerten findet Julia Fischer dabei immer noch Zeit für ihre Lehrtätigkeit: Seit 2006 ist sie Professorin an der Frankfurter Musikhochschule.

Wie werden Sie von Ihren Schülern angeredet? Frau Professorin?


Um Gottes willen. Die duzen mich natürlich – bis auf einen Buben, der ist erst 13 oder 14. Die Mädchen sind nur vier, fünf Jahre jünger, die würden mich auf der Straße auch nie siezen. Deshalb ist Respekt ja trotzdem noch vorhanden.


Warum lehren Sie überhaupt?


Ich wurde gefragt – und war froh darüber. Ich wollte immer unterrichten. Schon als Kind habe ich das wahnsinnig gern getan. Fast alle in meiner Familie sind ja Lehrer, wahrscheinlich liegt’s daran.


Immer mehr junge Künstler begreifen ihren Beruf einfach als tollen Job. Und genießen daneben auch etwas anderes – ein Leben ohne Musik.


Diese Trennung finde ich etwas künstlich. Ich unterscheide lieber zwischen Beruf und Hobby. Wenn ich im Urlaub bin, habe ich meine Geige dabei, weil ich Spaß daran habe, Noten durchzuarbeiten oder mit anderen zu spielen. Das ist dann Hobby.


Und zwei Wochen mal ohne Geige?


Gab’s noch nie. Ich spiele ja nicht unbedingt jeden Tag. Manchmal fahre ich zum Starnberger See und treibe mich da herum. Genauso wie ich mich nicht zwinge, jeden Tag Geige zu spielen, zwinge ich mich auch nicht, es nicht zu tun. Wenn man mich allerdings vor die Wahl stellte: 55 Konzerte im Jahr oder eine zwischenmenschliche Beziehung – ich würde nicht zweimal überlegen. Der Beruf ist nicht das Wichtigste.


Wie würden Sie das Verhältnis zu Ihrem Instrument beschreiben? Ist es für Sie eine Art Lebewesen, ein Geschwister?


Es ist eher ein Teil meiner selbst. Wie ein Körperteil, der einfach da ist und gepflegt werden will.


Mariss Jansons sagt, er habe vor Bach zu viel Respekt, deshalb dirigiere er ihn nicht. Ein Komponist, vor dem auch Sie Beklemmung empfinden?


Würde ich nicht so sagen. Bach ist sicher der Komponist, auf dem alles beruht. Tonalität, Struktur, Rhythmik, wirklich alles geht auf ihn zurück. Deshalb hat man natürlich Respekt. Andererseits basiert meine ganze Ausbildung auf Bach. Daher habe ich ihn immer gespielt - ob auf dem Klavier oder auf der Geige.

Sie spielen hervorragend Klavier. Vor einiger Zeit haben Sie das Grieg-Klavierkonzert öffentlich gespielt. Wann ist die Karriere-Entscheidung für die Geige gefallen?


Es war keine bewusste Entscheidung. Wenn man mich noch einmal vor die Wahl stellen würde, müsste ich wieder lange überlegen. Außerdem: Ich habe ja nie eine Karriere angestrebt. Durch die Welt reisen oder mich mit meinen Musikaktivitäten auf den Landkreis Starnberg beschränken: Beides hätte ich mir vorstellen können. Wichtig ist, dass ich spielen darf – egal wo.


„So viel Ruhm ist mir lästig“, sagten Sie einmal. Muss man als Künstler heute mehr nichtkünstlerische Begabungen mitbringen?


Na ja, Begabungen... Das Leben besteht nur zu 50 Prozent aus Geigespielen, dessen muss man sich bewusst sein. Man reist, spricht mit Managern, mit der Presse, soll sich organisieren. Ich bin eben eine Person des öffentlichen Lebens. Und manchmal muss man kämpfen. Etwa wenn es darum geht, welche Fotos veröffentlicht werden. Ich habe den Menschen etwas mitzuteilen. Das ist ja der Grund, warum ich Geigerin geworden bin. Und das erfordert auch Dinge jenseits der Noten.


Ihre Karriere hat sich rasant entwickelt. Hatten Sie immer Zeit für sich?


Rasant war es nur von außen betrachtet. Ich habe mit acht Jahren mein erstes Konzert mit Orchester gespielt. Beim ersten Auftritt mit Lorin Maazel war ich13. Der normale Konzertbetrieb begann für mich mit 19, die Plattenfirma kam mit 20. Das war für mich alles andere als rasant.


Und wann gab es das Ereignis, bei dem Sie sich sagten: Jetzt bin ich im internationalen Zirkus drin?


Wahrscheinlich mit 15, es war mein erstes Konzert in Amerika. Die Einladung dorthin, das war schon was (lacht). Als die kam, war ich gerade in der Schule. Mein Vater war total aufgeregt. Damals hatte ich gerade ein Handy bekommen, und er rief mich sofort an.


War das Ihren Eltern immer klar, dass ihre Tochter auf dem Klassikmarkt richtig mitmischen kann?


Meine Mutter hat anfangs nicht darüber nachgedacht. Als ich 1995 zum Menuhin-Wettbewerb gefahren bin, sagte sie sich: „Was für eine Zeitverschwendung, das wird peinlich.“ Als ich gewonnen hatte, stand sie erst ungläubig da. Meine Lehrerin Anna Chumachenco toppte das. Ich rief sie an, darauf sie: „Dann kann das Niveau nicht hoch gewesen sein.“ Ich verstehe ihre Bemerkung. Zu dieser Zeit waren Arabella Steinbacher, Lisa Batiaschwili und Daniel Röhn in ihrer Klasse. Als ich mich in diesem Kreis bewegte, dachte ich: So ist das allgemeine Niveau. Und das war mein Glück: Man sah diese Geigenklasse als Norm – und blieb dadurch auf dem Boden.


Dauernd wird ja beklagt, das Interesse an klassischer Musik nehme ab, das Unwissen dagegen zu.


Seit 2000 Jahren beschweren sich die Älteren über die Jüngeren. Mein Bruder ist Ingenieur und sagte mir neulich, in Mathematik und Physik verhalte sich das genauso. Wenn ich mir die heutigen Musik-Lehrpläne so anschaue: Quintenzirkel, Satzstrukturen... Wichtiger wäre doch zu wissen, wozu Musik überhaupt da ist. Das bewusste Hören geht verloren. Musik kommt aus der Mode – oder verkommt zur Berieselung. Ich schalte nie im Auto das Radio ein. Ich kann Musik als Hintergrundgeräusch einfach nicht ertragen.


Sollte sich vielleicht an der klassischen Konzertform etwas ändern?


Ich bin sehr vorsichtig mit „Events“. Ich halte es nicht für falsch, wenn ein Mensch eineinhalb Stunden mit Musik konfrontiert wird. Als ich beim G8-Gipfel ein 45-minütiges Bach-Mendelssohn-Beethoven-Programm gespielt habe vor Putin, Bush und Blair, da dachte ich mir: 45 Minuten müssen die jetzt dasitzen, nachdenken, zuhören und sich nicht ablenken lassen. Was für eine Chance!

Das Gespräch führte Markus Thiel

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