Der Widerständige und sein Stein

- Ich bin nicht inspiriert. Ich lese Zeitung." Sagt Alfred Hrdlicka. Aber seine Kunst ist nicht anämisch polit-korrekt, dünkelhaft belehrend oder gar analytisch steril, Alfred Hrdlickas Kunst ist hautnah. Deswegen geht sie unter die Haut. Deswegen erregt sie, regt auf _ bis zu wütendem Protest. Morgen feiert der bedeutende österreichische Bildhauer und Zeichner, der ebenfalls als Bühnenbildner (zuletzt: "Der Ring des Nibelungen" im Meininger Theater 2001, "Der König Kandaules" bei den Salzburger Festspielen 2002) aktiv geworden ist, seinen 75. Geburtstag.

"Fast so zerschunden wie die vielen Leiber, die er aus dem Stein geschlagen hat, ist auch der Körper des Künstlers. Der Widerstand der Materie, das Widerständige in der eigenen Lebensführung haben eine Plastik namens Alfred Hrdlicka geformt. Das Knorrige zeigt im Alter Zartheit, das Wilde Weichheit, das Polternde Weisheit. Der Humor ist geblieben, hat sich womöglich tiefer eingegraben. Der Sexus ist ganz und gar nicht eingeschlafen, er schlägt bloß Kasperl-Kapriolen wie beim alten Picasso. Verfall, Qual und Tod geht Hrdlicka auch jetzt nicht aus dem Weg. Er hat ja seit Jahrzehnten die Ängste in Stein, Bronze, Zeichnung und Grafik benannt. Bannen wollte er sie nie. Denn naiv ist er nun wirklich nicht.<BR><BR>Der 1928 geborene Wiener, Sohn eines Kommunisten, war immer politisch, hielt weder Meinung noch Polemik zurück. So konnte ihm nach einem Malereistudium unter anderem bei Albert Paris Gütersloh und einem Bildhauerstudium bei Franz Wotruba nur die figürliche Kunst entsprechen ("Der Mensch ist das Wichtigste."). In Hrdlicka stecken aber nicht alleine die Wut der Anklage, die Entäußerung der Klageweiber-Schreie, sondern auch die Lust am Erzählen, an der Auseinandersetzung mit der Tradition, mit Künstlerkollegen von Gé´ricault bis Pasolini, von Cranach bis Hölderlin.<BR><BR>Deswegen war es für Hrdlicka immer natürlich, Literatur zu illustrieren und Geschichte aufzugreifen: in Folterszenen die Grausamkeit von Hexenprozessen genauso wie im "Plötzenseer Totentanz" die Bestialität der Nazis, im die "Straße waschenden Juden" oder im "Waldheim-Pferd" (das bekanntlich ohne seinen Reiter, den späteren österreichischen Bundespräsidenten, bei der SS war) die Verdrängung der NS-Zeit in der Alpenrepublik. Weil der Bildhauer Körper so gut kennt und so sehr liebt, schont er sie auch nicht: die schlaffe Haut, die ausgerenkten Gelenke, die herausbrechenden Rippen, die ausgerissenen Gliedmaßen. <BR><BR>Das Wissen um des Menschen Wesen entspringt und mündet notwendig im Mythos. Und so hat Alfred Hrdlicka in seinen Geschundenen, besonders in den Torsi, den von Apoll gehäuteten Faun Marsyas, jenes Sinnbild der sinnlos gequälten Kreatur, immer wieder ästhetisch zusammengeführt mit dem Gekreuzigten aus dem Neuen Testament, der der Qual einen Sinn gibt. Auf diese Weise zeigt sich Alfred Hrdlicka als großer Vereiner: Als Atheist beweist er Gläubigkeit und Menschenliebe, als Revoltierender hält er die Tradition, die so genannten bildungsbürgerlichen Werte, hoch - und als Künstler kann er das alles zusammen auch noch bestens ausdrücken.<BR><BR>"Ich bin nicht inspiriert. Ich lese Zeitung": Alfred Hrdlicka vor einer großformatigen Zeichnung und einer seiner frechen, humorvollen Kleinplastiken: "Siegfried".Foto: dpa<BR> 

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