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Amors Pfeil hat längst sein Ziel erreicht: Shenja Lacher als Petruchio und Andrea Wenzl als Käthchen.

Theaterkritik

Die "Widerspenstige" im Residenztheater

München - Wa(h)re Liebe. Darum geht es Tina Lanik in ihrer Inszenierung von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“, die am Dienstag erste Premiere der neuen Spielzeit im Münchner Residenztheater war.

Ist die Liebe eine Ware, die sich erjagen lässt? Wie der Reichtum, dem die Männer in dieser Komödie nachhetzen? Oder wie der kapitale Hirsch, den die Jagdgesellschaft zu Beginn zur Strecke gebracht hat? Oder ist wahre Liebe nicht etwas völlig anderes? In ihrem knapp dreistündigen Abend (eine Pause), erzählt Lanik Shakespeares Stück, das 1594/95 entstanden ist, nicht als die Geschichte der Unterwerfung Katharinas. Rollenbilder aus dem 16. Jahrhundert hätten heute nur Kuriositätenwert. Nein, hier werden am Ende die als widerspenstig Verleumdete und ihr Petruchio zwar gemeinsam die Bühne verlassen: Doch Käthchen geht selbstbewusst vorweg, ihr Gatte folgt – verliebt, ungläubig, doch (ja, davon wollen wir ausgehen) glücklich.

Zunächst aber stehen auf der nackten, schwarzen Bühne, die Stefan Hageneier bis zur Brandmauer aufgerissen hat, Jäger im Nieselregen um erlegtes Rotwild: feiernd den erfolgreichen Abschuss. Noch wetten sie auf ihre Hunde, die Adeligen später werden auf den Gehorsam ihrer Gattinnen setzen. Im Suff löst sich eine Frau aus der Gruppe der Waidmänner, Katharina Pichler wird fortan Zeugin der meisten Szenen sein. Shakespeares Rahmenhandlung, in der ein Lord einem Kesselflicker vorgaukelt, dieser sei auch blauen Blutes, hat Tina Lanik auf Pichlers Figur reduziert: Ist die Geschichte von Katharina und Petruchio nur deren Traum? Die Inszenierung hält das geschickt in der Schwebe. Die Szenen werden unter dem erbarmungslos sezierenden Licht der Neonröhren gezeigt, harsch getrennt durch Blackouts. Dies gibt dem Abend zwar eine klare Struktur, macht ihn jedoch weitgehend erwartbar und überraschungsfrei. Lanik musste sich dafür bei der Premiere einzelne Buhs anhören.

Shakespeares Figuren hat die Regisseurin als schräges Typenkabinett auf die Bühne gebracht: Holzschnitte mehr denn Charaktere. Dabei gelingen ihr und den Schauspielern aber auch immer wieder komische Sequenzen, etwa wenn Shenja Lachers Petruchio und Johannes Zirner als dessen Diener Grumio sich über die unterschiedliche Bedeutung des Verbs „klopfen“ in die Haare kriegen. So dumpf können nur Männer sein. Intensiver hat Lanik sich mit der Beziehung von Petruchio und Katharina beschäftigt. Auf (alb-)traumhaft leerer Bühne entwickeln Lacher und Andrea Wenzl die Geschichte einer wahren Liebe: Nicht nur um Unterwerfung geht es hier – Katharina sucht einen Mann, der ihr gewachsen ist. Als sie und Petruchio sich zum ersten Mal in die Augen schauen, nimmt dieser Blick alles vorweg. Selten kann man so genau beobachten, wie Amors Pfeil sein Ziel erreicht. Die beiden Schauspieler lassen uns teilhaben am Wachsen der Liebe zwischen ihren Figuren. Man folgt ihnen gerne. Wir sehen, wie Katharina und Petruchio das Koordinatensystem ihrer Beziehung festlegen und (natürlich) als Einzige begreifen: In ihrer Welt ist es vollkommen gleichgültig, ob die Sonne der Mond ist oder ein Greis ein junges Mädchen.

Shakespeares böse Szenen auf Petruchios Landgut, wo dieser durch Demütigungen, Schlaf- und Essensentzug Katharinas Willen bricht, hat Lanik auf ein Minimum gestrichen. Dennoch passen sie noch immer nicht zu den übrigen, wenn Lacher und Wenzl Zustände des Verliebtseins deklinieren: schmerz- und zaghafte, liebevolle und liebestolle, wahre und wirre, selbstbewusste und unsichere.

Am Ende, als die Männer testosterongesteuert dumpf Wetten über den Gehorsam ihrer Frauen abschließen, zeigt Shenja Lacher seinen Petruchio eben nicht siegessicher. Er zaudert, hat sich mit der Niederlage, mit Katharinas Abfuhr bereits abgefunden und ist umso überraschter, als seine Frau doch kommt. Als Wenzl schließlich Katharinas Schlussmonolog spricht mit den beängstigenden Zeilen „Dein Gatte ist dein Herr, dein Leben, dein Erhalter“, macht sie das mit einem solchen Selbstbewusstsein, dass klar ist: Diese Frau redet nicht von der Unterwerfung, sondern spricht vom blinden Vertrauen bedingungsloser Liebe. Sichtlich überfordert von diesem Geschenk, folgt Petruchio seinem Käthchen.

Nächste Vorstellungen

am 5., 7., 10. Oktober; Telefon 089/ 2185 1940.

Von Michael Schleicher

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