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Wie die erste documenta Künstler überging

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Kunstmuseum Solingen
Das Zentrum für verfolgte Künste und Kunstmuseum in Solingen. © Oliver Berg/dpa

Die documenta in Kassel kann Künstlerkarrieren befördern. Aber die Welt-Ausstellung kann Künstler auch übergehen. Ein Forschungsprojekt geht der Spur der vergessenen Künstler der ersten documenta 1955 nach.

Solingen - Die Einladung zur documenta in Kassel ist der Ritterschlag für Künstlerinnen und Künstler. Die weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst verhilft Teilnehmern zu einem Platz in der Kunstgeschichte.

Wer zu der 100-Tage-Ausstellung eingeladen ist, hat Chancen, auch in Zukunft wahrgenommen zu werden. Mitte Juni ist es wieder so weit. Die 15. Ausgabe (documenta fifteen) geht an den Start.

Wenige Wochen vor der Eröffnung wirft das documenta archiv zusammen mit dem Zentrum für verfolgte Künste in Solingen einen kritischen Blick auf die Geschichte der documenta - und die Macht von Kuratoren. In einem Gemeinschaftsprojekt haben die beiden Institutionen die Auswahl der Künstler für die erste documenta 1955 aufgearbeitet.

Anhand von zwei einst gezeigten Ausstellungen in Kassel - der Vierten Großen Kunstausstellung 1929 und der ersten documenta 1955 - wird die Rolle der documenta bei der Kanonisierung von Kunst beleuchtet. „1929/1955 - Die erste documenta 1955 und das Vergessen einer Künstler:innengeneration“ heißt die Schau mit 60 Werken. Sie ist seit Freitag (bis 11. September) zunächst in Solingen zu sehen und wird erst 2023 in Kassel gezeigt.

Die documenta 1955 wollte die während der Nazi-Diktatur diffamierte Kunst rehabilitieren. Ihr Initiator Arnold Bode war auch Kurator der viel beachteten Kasseler Ausstellung von 1929. Diese Schau versammelte junge Künstler, deren Karriere durch die Machtübernahme der Nazis 1933 zunichte gemacht wurde. „Eine Phalanx der jungen frischen Kräfte“ - so schwärmte der Kritiker Paul Westheim noch 1929 über die beteiligten Künstler.

Doch ein Großteil von ihnen sollte nach 1933 nicht wieder in der Kunst auftauchen und wurde auch von der documenta übergangen. In Diagrammen arbeiten die Kuratoren statistisch die „Struktur des Vergessens“ auf. So ist bei der Alterskurve der Teilnehmer der documenta 1955 ein Knick bei den Jahrgängen 1891 bis 1900 abzulesen. Es ist die Künstlergeneration, deren Etablierung durch die beiden Weltkriege einen Bruch erlebte.

Documenta-Initiator Bode tippte seine Künstler-Liste auf Schreibmaschine. Blauer Reiter, Brücke, Kubismus, Surrealismus - alle wichtigen Kunstströmungen der Vorkriegsmoderne sind dort verzeichnet. Nur handschriftlich fügte Bode dann „neue Sachlichkeit + Primitiven“ dazu. „Er vergisst sie im Grunde nicht, aber sie werden nicht realisiert“, sagt Jürgen Kaumkötter, Direktor des Museums für verfolgte Künste.

Warum die „jungen Wilden“ der Weimarer Republik nicht zur documenta 1955 aufgenommen wurden, bleibt unklar. Kaumkötter versucht eine Erklärung: „Es war ein gesellschaftliches Phänomen, dass man ein Land des Vergessens wurde. Man wollte an die Verbrechen oder das Ausgrenzen zwischen 1933 und 1945 in der Nachkriegszeit nicht erinnert werden. Man wollte nach vorne schauen, ein neues Land aufbauen und auch in Europa aufgehen.“

Letztlich war 1955 in Kassel besonders die klassische Moderne etwa mit Wassily Kandinsky, August Macke oder Ernst-Ludwig Kirchner stark vertreten. Die Avantgarde der späten 1920er Jahre blieb lückenhaft.

Das Solinger Museum beherbergt rund 1500 Werke von Künstlern, die im Nationalsozialismus verfemt, verfolgt und dann vergessen wurden. Etwa 30 Künstler der Solinger Sammlung waren 1929 in der Kasseler Ausstellung vertreten. Nur drei von ihnen schafften es auf die documenta-Liste: Josef Albers, Christian Rohlfs und Xaver Fuhr. Rohlfs war ohnehin omnipräsent, Albers war Bauhausmeister und emigrierte 1933 in die USA. Aber auch Fuhr ist heute kaum noch bekannt. Die Namen der meisten anderen Künstler sind nicht in den etablierten Kunstkanon eingegangen.

Wer kennt heute Bruno Krauskopf, Anton Kerschbaumer oder Emil Betzler? Viele Werke wurden 1937 in der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt. Der „Christuskopf“ von César Klein wurde 1937 wurde in der Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

Auch der Autodidakt und als Dichter schräger Reime bekannte Joachim Ringelnatz wurde 1929 in der Kasseler Avantgarde-Schau mit seinem Bild „Eis und Meer“ gezeigt. Wäre Ringelnatz heute vielleicht auch als Künstler berühmt, wenn er 1955 auf der documenta präsentiert worden wäre?

Doch es gibt ein weiteres Problem: Zahlreiche Werke der Ausstellung von 1929 gelten heute als verschollen. In einem animierten Bilderrahmen werden die Titel der verschwundenen Werke aufgezählt. Weniger als die Hälfte der Werke der Schau von 1929 hätten identifiziert werden können, sagt Kaumkötter. Auf einem interaktiven Tisch werden die Biografien der erst verfemten und dann vergessenen Künstler und ihre Netzwerke virtuell ausgebreitet.

Das Solinger Zentrum möchte die ausgegrenzten Künstler so wieder ins Bewusstsein holen. Kaumkötter sagt: „Wir wollen zeigen, dass die Ausgrenzung aus politischen Gründen erfolgte und nicht, weil sie schlechte Künstler waren.“ dpa

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