Nie wieder Deutschland

- "Ich kann nicht verstehen", schrieb Sigbert Feuchtwanger seinem Großcousin Lion nach einem Besuch Münchens 1952 in die USA, "wie man als Jude sich je wieder in Deutschland daheim fühlen kann". Auch Lion, der mit seinem 1930 erschienenen Bestseller "Erfolg" die bayerische Gesellschaft wie kein Zweiter porträtierte und karikierte, verstand das nicht.

Er kehrte nie wieder nach Deutschland zurück, zu tief saß der Schmerz über erlittene Schmähungen des 1933 von den Nationalsozialisten als "Literatur-Ferkel" verfemten Schriftstellers.

Lion Feuchtwanger war zweifellos der Prominenteste unter den 774 Flüchtlingen aus der Großfamilie Feuchtwanger, deren Hochs und Tiefs die Münchner Historikerin Heike Specht jetzt nachgezeichnet hat. Dabei ist ihr eine vorzügliche Kollektiv-Biografie gelungen, die sich aber nicht allein auf Lion konzentriert, sondern gerade ein Denkmal für die vielen unbekannten Familienmitglieder ist.

Mit der Familie Feuchtwanger, als deren Urahn der 1776 geborene, aus Fürth stammende Silberhändler Wolf Seligmann Feuchtwanger gilt und von der sich bis Anfang der 1950er-Jahre wohl 4000 Nachkommen nachweisen lassen, hat es eine besondere Bewandtnis. Sie war im 19. und frühen 20. Jahrhundert mehrheitlich orthodox, dabei zumeist bayerisch-patriotisch gesinnt. Die Erforschung einer jüdischen Normal-Familie aus dem Bürgertum ist ein Novum. Bislang hat sich die Wissenschaft vor allem jüdischen Familien der "High Society" gewidmet, also den Rothschilds, den Mosses und den Warburgs, denen solche Charakteristika gerade abgingen.

Doch lässt sich über den Begriff der "Familie" eine das Allgemeine erschließende Geschichte erzählen? Heike Specht bejaht das entschieden, und sie hat ihre Gründe dafür. Zum einen gab es bei den Feuchtwangers ein spezifisches Familienverständnis: "In Anderen weiterleben", so hat es die nach Israel ausgewanderte Clara Feuchtwanger ausgedrückt. Zum Zweiten legt die Autorin ein regelrechtes Familiennetzwerk offen, das sich vor allem in Notzeiten bewährte. Berichtet wird wenig über Familienzwist, umso mehr aber über Solidarität, die sich in den 1930er- und 1940er-Jahren bewährte.

Nicht zuletzt Lion Feuchtwanger ragte dabei als eine Art Familien-Mäzen hervor. Es war bislang unbekannt, in welcher Weise sich der Autor hierbei finanziell engagierte.

Lions Metamorphosen

Ob er nun seinen schwer kranken Bruder Berthold mit Dollar-Noten in Ecuador unterstützte, seine Schwester Franziska in selber Weise in Buenos Aires oder seinen Bruder Martin in Israel mit Medikamenten und Lebensmitteln - in der Not bewährte sich der Familienzusammenhalt, funktionierte das Familiennetzwerk über Kontinente hinweg. Dagegen war auf Außenstehende kein Verlass. Der Rechtsintellektuelle Carl Schmitt etwa, gut bekannt mit seinem Lektor Ludwig Feuchtwanger, vermied 1935 eine Intervention bei der Reichsschrifttums-Kammer - die Feuchtwanger dann ausschloss, was einem Berufsverbot gleichkam.

Dass Lion in seiner politischen Einstellung bemerkenswerte Metamorphosen durchmachte und sich vom bedingungslosen Stalin-Anhänger am Ende seines Lebens zum Israel-Freund wandelte (der das Land freilich nie besuchte), beschreibt Heike Specht auf quellengestützter Grundlage. Die bislang weithin unbekannte zionistische Einstellung des Autors ist nur einer von vielen bemerkenswerten Randaspekten, die das Buch quasi nebenbei liefert.

Auch die Rolle der Frauen gewichtet Specht neu. Sie sahen in der NS-Zeit vieles klarer als ihre Männer. Frauen hatten die Familie als Lebensmittelpunkt, den es zu retten galt, während die Männer als Berufstätige nach außen orientiert waren und sich schwer taten, durch eine Auswanderung ihre Kontakte plötzlich zu kappen. So gab es auch unter den Mitgliedern der Familie Feuchtwanger viele Holocaust-Opfer, insgesamt 80 zählt Specht in ihrer eindrucksvollen Studie.

Heike Specht: "Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis". Wallstein Verlag, Göttingen, 464 Seiten; 39 Euro.

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