Terry Swartzberg 

Nie wieder ohne Kippa

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München - Terry Swartzberg ist Jude. Und das zeigt er auch. Er trägt seine Kippa seit Jahren in der Öffentlichkeit. Abgeraten haben ihm: alle. Schlechte Erfahrungen gemacht hat er: keine. Diese Woche übergibt er eine Kippa offiziell an das Haus der Geschichte in Bonn.

Es ist kalt und dunkel in Augsburg, ein Mann mit Kippa eilt durch eine Straße am Hauptbahnhof. Er hat keine Zeit und muss den Zug erwischen, da kommt ihm ein Mann mit Bomberjacke entgegen. Es ist ein Nordafrikaner, der ihn anspricht: „Kommst du aus Jerusalem?“ „Nein. Aus New York.“ Der Bomberjackenträger erzählt, dass er aus Algerien stamme – und gratuliert zum Mut, hier in Deutschland die jüdische Kultur zu leben. Zum Abschied umarmt der Algerier den Mann mit der Kippa.

Der New Yorker Jude lebt schon seit Jahrzehnten in München. Es ist Terry Swartzberg, 62, breites Grinsen, fast immer mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs. Swartzberg ist PR-Berater, gehört der Liberalen Jüdischen Gemeinde an – und ist vor allem für sein Engagement für die Stolpersteine bekannt. Vor ehemaligen Wohnhäusern erinnern die Tafeln im Gehweg an Nazi-Opfer, in München sind sie immer noch verboten.

Swartzberg mit Merkur-Redakteur Felix Müller.

Swartzberg ist ein Typ, der auffällt. Mit seiner einnehmenden Art. Mit seinem amerikanischen Akzent. Und: mit seiner Kippa. Seit Jahren geht er nur noch so aus dem Haus. An diesem Donnerstag übergibt er eine Kippa für die Dauerausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Eine besondere Ehre: Die Ausstellung zur deutschen Zeitgeschichte gehört zu den meistbesuchten Museen in Deutschland. Nächstes Jahr soll ein Buch über seine Erfahrungen mit den nicht-jüdischen Deutschen erscheinen. Es sind ausschließlich positive Erfahrungen – wie die aus Augsburg, die zu Swartzbergs Lieblings-Anekdoten gehört.

Der 62-Jährige schiebt jetzt sein Fahrrad durchs Münchner Bahnhofsviertel. Wettbüros, Dönerbuden, Gebetsräume: Die Gegend ist „migrantisch geprägt“, wie es heute genannt wird. Man könne auch sagen: Hier scheinen die Türken und Araber in der Mehrheit zu sein. Also: die Muslime. Swartzberg sagt, er habe auch in solchen Vierteln nie ein Problem gehabt. Und tatsächlich erregt er hier nur Aufmerksamkeit, weil vor ihm der Fotograf unserer Zeitung mit einer kleinen Leiter herumwuselt, um die Kippa schön mit aufs Bild zu kriegen. Irritierte Blicke auf Swartzberg, Anfeindungen gar: Fehlanzeige. Nur ein Café-Betreiber („aus Istanbul!“) spricht Swartzberg an – und will ihn samt Fotograf auf einen Kaffee einladen. Swartzberg sagt, die Idee mit der Kippa sei ihm vor einigen Jahren bei der Beerdigung des KZ-Überlebenden „Mietek“ Pemper in Augsburg gekommen. „Natürlich trugen wir Männer alle Kippa“, erinnert sich Swartzberg. Nur: Swartzberg entschied sich, sie auch hinterher aufzubehalten.

„Eine Trotzreaktion“, nennt er das heute. Denn warum eigentlich sollten Juden ihren Glauben in diesem Land nicht öffentlich zeigen, so, wie es in New York ein alltäglicher Anblick ist? „Als ich mit Kippa ging, wollten mich alle davon abhalten“, erinnert sich Swartzberg und grinst spitzbübisch. „Sie dachten, dass ich sie gefährde.“ Swartzberg aber blieb stur – und begann Monate später, die Kippa immer zu tragen.

Natürlich habe er auch Angst gehabt, sagt er. Vor dem ersten Mal U-Bahnfahren, dem ersten Mal in Berlin-Neukölln. Doch seine Erfahrungen waren immer positiv. Als er, daheim in Giesing, das erste Mal bei seinem muslimischen Gemüse-Mann war, verstrickte der ihn gleich in ein Gespräch über die Vorzüge islamischer und jüdischer Kopfbedeckungen. Gemeinsam mit den Kunden habe man Tränen gelacht, sagt Swartzberg. Er sitzt jetzt im Café vor dem Jüdischen Museum und bestellt eine Latte Macchiato. Es nieselt, doch das stört Swartzberg nicht. Hier am Platz wurde erst kürzlich eine Ausstellung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) beschmiert. Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) nannte das einen „Anschlag“. Was ist mit den deutschen Juden, die ganz andere Erfahrungen machen, Herr Swartzberg? Die von zunehmender Feindseligkeit in Deutschland berichten? „Man findet immer einen Zwischenfall, der die eigene Sichtweise rechtfertigt“, sagt Swartzberg. Übergriffe seien „das Werk von Verrückten, nicht eines Landes“.

Anders als viele andere Juden in Deutschland findet er, dass Antisemitismus nur ein Randphänomen sei. Eine steile These. Aber auch eine Frage der Sichtweise, wie Swartzberg erklärt. „Wenn zum Beispiel neun Prozent antisemitisch sind, könnte man es doch auch so sehen, dass 91 Prozent die Juden mögen“, sagt er – und schwärmt von all den jüdischen Kultur-, Literatur- und Filmtagen. Die Sensibilität sei sehr hoch. „Das deutsche Bildungsbürgertum leidet unter Schuldgefühlen und will nicht mehr versagen.“ Deshalb würden auch kleinste antisemitische Vorfälle sehr ernst genommen. Alles gut also in Deutschland? „Ich bin stolz auf dieses Land“, sagt Swartzberg. Eben hat sein Sohn eine „Toleranz-Kippa“ entworfen. Mit den deutschen Nationalfarben – und den Symbolen aller Weltreligionen.

Nur seinem Beispiel gefolgt ist niemand, den Swartzberg kennt. „Nein“, sagt er, lächelt und schüttelt den Kopf. Kippa zu tragen sei in Deutschland immer noch nicht üblich. Aber er wird weiter dafür werben, es zu tun. Dass das Haus der Geschichte in Bonn künftig seine Kippa ausstellt, freut ihn. „Aber es ist keine Ehrung für mich persönlich, sondern für die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Erinnerungskultur.“

Kürzlich beim Bergsteigen hatte er keine Kippa dabei. Es habe sich wie nackt angefühlt, sagt Terry Swartzberg, der Mann, der nie wieder aufhören will, seine Kippa zu tragen.

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