Wieder scheitern - besser scheitern

- Seit dem "Silbernen Bären" für "Halbe Treppe" (2002) gehört Andreas Dresen, geboren 1963 in Gera, zu den etablierten Filmregisseuren der Republik. Mit "Sommer vorm Balkon", der das Kinojahr 2006 eröffnet, kehrt Dresen wieder nach Berlin zurück. Erstmals arbeitete er mit Wolfgang Kohlhaase zusammen. Der Schriftsteller (Jahrgang 1931) gehört zu den erfolgreichsten und viel beschäftigsten deutschen Drehbuchautoren - zuerst für die Defa. Es folgten Texte für Bernhard-Wicki-Filme ("Die Grünstein-Variante", "Das Spinnennetz") noch zur Zeit der Teilung und im vereinten Deutschland u.a. etwa für "Die Stille nach dem Schuss" von Volker Schlöndorff.

Bitte erlauben Sie dem Wessi folgende dumme Frage an die Ossis: "Sommer vorm Balkon" ist der neueste einer Reihe von Filmen, die am Prenzlauer Berg in Berlin spielen und einen ganz bestimmten Ton haben, der neu ist im deutschen Kino: Ist das einfach etwas typisch Berlinerisches oder doch auch etwas, das typisch für ein ostdeutsches Milieu ist? Wirkt da eine spezielle DDR-Erfahrung, ein Ost-Blick?

Kohlhaase: Nach der Wiedervereinigung gab es eine örtliche Betäubung, was die Wirklichkeit anbetraf. Es war eigentlich weder der Osten noch der Westen in der Lage, die Formel zu finden, mit der sich das Ganze erzählen ließ. Die Vorgeschichten waren zu verschieden. Es gab nur falsches Bewusstsein. Was mich selbst angeht - es ist mir ja sehr bewusst, dass der größere Teil meines Lebens in Ostdeutschland gelebt wurde -: Im Defa-Film war das Interesse an der Realität angelegt vom ersten Tag. Und gewollt. Es ging immer auf die Gesellschaft, der Konflikt lag ja darin. Man hätte sich doch in der DDR nicht vorstellen können, dass man den "Förster vom Silberwald" weiterproduziert. Ein politisches Kino, ein auf die Wirklichkeit gerichtetes Kino war gewollt.

 Genau deshalb begannen die Konflikte. Weil sich nun herausstellte: Die Wirklichkeit kann man sehr verschieden interpretieren. In dem Moment, in dem die praktizierende Politik den Blick auf die Realität monopolisierte, begann der Ärger. Denn Künstler folgen ihrer Neugier, ihrer sinnlichen Erfahrung. Aber man machte deshalb Filme, um etwas in Gesellschaft zu bringen.

Dresen: Es ist auch kein Zufall, dass das in Berlin passiert. Denn diese Stadt hat wie keine andere diesen Prozess des Zusammenwachsens unterschiedlicher Erfahrungen am stärksten durchgemacht und steckt da immer noch mitten drin. Es ist natürlich relativ einfach, den Problemen im Osten aus dem Weg zu gehen, wenn man in Augsburg lebt. In Berlin trifft man sich, das ist ein Schmelztiegel aller Erfahrungen der letzten 15 Jahre.

Sie selbst betonen ja zugleich gern, dass Sie Wirklichkeit nicht einfach abbilden wollen.

Dresen: Man tritt nicht an und sagt: Jetzt machen wir mal einen Film über das ganze soziale Elend unserer Tage, der die Leute aufrüttelt. Dieses Pathos wäre ziemlich absurd. Ich glaube auch nicht, dass es gelingen würde. Was wir machen können, ist, Geschichten über Menschen zu erzählen, die so wahrhaftig sind, dass man spürt: Diese Leute haben mit mir etwas zu tun - wohlwissend: Das ist ein Kunstprodukt.

Kohlhaase: Nicht die Wirklichkeit macht den Film, sondern unsere Haltung zur Wirklichkeit.

Es geht also nicht primär um Authentizität?

Dresen: Für mich ist es ein gestalterischer Umgang. Es geht vom Bauch durch den Kopf. Das Wort Authentizität schmeckt mir meistens nicht so, denn mein Film ist das Ergebnis von Arbeit, von einer bestimmten Technik der Inszenierung.

Kohlhaase: Es geht um das Interesse. Ich bin am östlichen Teil Berlins interessiert, in dem ich immer gelebt habe. Wollte ich vom "gehobenen" Charlottenburger Berlin erzählen, müsste ich mir Interesse organisieren, das ich nicht habe. Man kann alles machen, aber wenn man es nicht muss, kann man es auch lassen.

Was sind Ihre Quellen?

Kohlhaase: Man transportiert etwas aus sich selbst. Die Welt ist eine zweite Quelle, die Korrespondenz mit anderen Filmen eine dritte. Die im Kino abgebildete Welt ist eine weitere Lebensebene, zu der ich mich mal freundschaftlich, mal polemisch verhalte. Das Spiel heißt Leben. Aber wenn man schreibt, braucht man auch einen Begriff von der Sache und die richtige Distanz.

Dresen: Und über diese Distanz hinweg müssen dann die Liebe und die Achtung dazukommen. Mich muss eine Geschichte berühren. Es sollte schon etwas Existenzielles sein. Mich hat hier der Schmerz von zwei Menschen berührt, die sich abstrampeln.

Sie erzählen oft von diesem Abstrampeln, auch vom Scheitern gelegentlich. Trotzdem wirken Ihre Filme angesichts der Schicksale merkwürdig optimistisch.

Dresen: Es gibt ein schönes Wort von Beckett: "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Auch hier geht es darum, dass meine Figuren versuchen, auf höherem Niveau zu scheitern. Sie versuchen, aus ihren Fehlern zu lernen, und es passieren ihnen andere. So ist das Leben: nicht große Revolte, sondern kleine Bewegungen. So kann man bittere Wahrheiten erzählen, aber mit Optimismus. Man kann sich sagen: Wenn die das schaffen, wieso soll ich das nicht auch schaffen?

Ist das nicht fast eine moralische Botschaft?

Dresen: Würde ich nicht moralisch finden. Ich fühle mich nicht als Moralist. Ich zeige einen Ausschnitt aus der Welt.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Theatersommer und Passionsspiele: Mit Tell gegen Tyrannen
Der Ausblick auf den Oberammergauer Theatersommer 2018 und auf die Passionsspiele 2020 zeigt: Alte Volkshelden sind in einer Zeit, in der die Tyrannen-Flut wieder …
Theatersommer und Passionsspiele: Mit Tell gegen Tyrannen
Sieben Tipps: Diese Bücher können Sie zu Weihnachten verschenken
Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Autorin hat bezaubernde, starke, mutige Bücher von 2017 gelesen, die auf eine …
Sieben Tipps: Diese Bücher können Sie zu Weihnachten verschenken
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
„Mit Rechten reden“ ist eine Streitschrift über den Umgang mit AfD-Sympathisanten. Sie nähert sich dem Thema mit Logik, Polemik und Ironie. An diesem Donnerstag ist …
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht
Der Sänger Perfume Genius musste sein Konzert in München aus gesundheitlichen Gründen absagen. Eigentlich wäre er vergangen Mittwoch im Hansa 39 auf der Bühne gestanden. 
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht

Kommentare