Und wieder ein Stück versaut

- Warum steht Anton Tschechow in der Rangliste der Dramatiker gleichberechtigt neben Shakespeare? Weil mit ihm die Moderne beginnt. Weil er auf geniale Weise in seinen Stücken Menschen auf die Bühne stellt mit ihrem ganzen inneren Reichtum, ihren unlösbaren Widersprüchen, ihren komplizierten, glücklichen wie unglücklichen Beziehungen zueinander. Menschen in ihrer existenziellen Tragik, die die Ursache aller Vergeblichkeit und absurder Komik ist.

Figuren, die sich nicht ausbuchstabieren lassen, denen immer ein Rest Geheimnis bleibt. In ihrer Subjektivität sind sie ein objektiver Spiegel gesellschaftlicher Realität. "Der Kirschgarten", Tschechows letztes und wiederum als Komödie bezeichnetes Stück, gibt eine Aussicht auf die Zeit des politischen Umbruchs.

Wie aus Fertigpulver

So viel vorab, um einigermaßen klar werden zu lassen, welchen Unfug Regisseur Lars-Ole Walburg an den Münchner Kammerspielen mit Tschechow, seinem "Kirschgarten" und den Schauspielern des Ensembles getrieben hat. Die Sucht nach Aktualisierung und Originalität manifestiert sich als Brett vor den Köpfen der Verantwortlichen dieses Theaters. Nichts ist einfacher als das: dem Klassiker ein Zeitgeistgewand überzustülpen, den Schriftzug Deutschland an die Bretterwand zu pinnen und die Geschichte weg aus Russland in ein ungenaues Hier und Heute umzusiedeln, dazu die Akteure neben Tschechow-Text eigene Befindlichkeitslitaneien und Politparolen absondern zu lassen - zu Überalterung, Staatsbürgertum und Zuwanderungsrecht. Was sich halt ein jeder so denkt. Doch wirklich nachgedacht hat hier niemand.

Die Szenen bunt zu arrangieren; mit mehr oder weniger gelungenen Slapstick-Einlagen versuchen, die Zuschauer zu unterhalten; die Figur des alten Lakaien Firs zu streichen und dafür neun Laien im Rentenalter auf der Bühne sabbeln und brabbeln zu lassen; jeden der kräftig eingestrichenen vier Akte mit historisch markanten Umbruchs-Daten zu betiteln - vom Kriegsende 8. Mai über den 17. Juni und den 22. August (Ende des Prager Frühlings) bis zum 3. Oktober: Das alles ist nichts weiter als Tünche, mit der der Regisseur sein Unverständnis für ein Werk oder auch nur seine Faulheit, in die tiefen Zusammenhänge dieser Figuren einzudringen, zukleistert. In erstaunlicher Selbstüberschätzung und politischem Schmalspurdenken hat Walburg an den Kammerspielen ja schon "Dantons Tod" und "Hamlet" versaut.

Büchner, Shakespeare und jetzt auch Tschechow werden's überleben. Die Schauspieler aber nehmen großen Schaden dabei. Denn ihnen verweigert der Regisseur, ganze Charaktere darzustellen, an ihren Rollen zu wachsen, verantwortlich für sie zu sein. Schauspieler als Konzept-Erfüllungsgehilfen - das ist auf der Bühne das Langweiligste, was es gibt. Der geschätzte Stephan Bissmeier, der die Rolle des untätigen, schwadronierenden, altmodischen und so liebenswerten Gajew spielt, ist abgesehen von ein paar trockenen Gags trotz seines skurrilen Kostüms mit rosa Hose so gut wie nicht vorhanden.

Völlig verhuscht auch Cristin König als Warja. Brigitte Hobmeier und Matthias Bundschuh als die jungen Liebenden Anja und Trofimow retten für ihre Rollen, was zu retten ist, und machen das bisschen Spielen nicht schlecht. Hildegard Schmahl als Ranjewskaja, die blond gefärbt und in pinkfarbenem Lackkostüm arg billig daherkommt, trägt wie immer ohne Regisseur ein bisschen zu dick auf. Aber in den Momenten, da sie lacht, wenn sie weinen muss, da sie von ihrem Leben und ihrer Liebe erzählt, ist sie Tschechow sehr nah und gibt eine Ahnung davon, wie sie in dieser Rolle sein könnte. Mehr als er hier in der Person des Lopachin zeigt, ist dagegen bei Michael Neuenschwander vermutlich nicht drin: Er rührt diese Figur wie aus Fertigpulver an, nicht ohne Geschmack, aber an einem Haus wie den Münchner Kammerspielen sollte mehr Raffinement aufgeboten werden.

Ach ja, die Bühne ist ausgestattet mit grünem Kunstrasen sowie einer braunen Holzwand, die den Kirschgarten symbolisieren soll und in die Lopachin seine Axt schlägt. Musik gibt's auch. Statt der Gouvernante Charlotta und anstelle des jüdischen Orchesters, das bei Tschechow zum Tanz aufspielt, begleitet Theo Nabicht per Saxophon das Geschehen.

In seinen Texteinschüben zur Lage der Nation lässt Lars-Ole Walburg seinen Protagonisten Neuenschwander schrecklich besorgt sagen: "Wenn wir jetzt nichts ändern, wird alles zusammenbrechen." Und: Alle städtischen Theater sollten geschlossen werden, da sie subventioniert würden von Leuten etwa aus Neuperlach, die nie ins Theater gingen. Na ja, Provokation ist auch Glückssache. Würde man nämlich diese Inszenierung ernst nehmen, könnte das schneller passieren als gedacht. Nach langen zwei Stunden: Premierenbeifall für die Schauspieler, ein Buhkonzert für den Regisseur. 

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