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Abgeführt in die Ehe: Szene mit Petra Lang (Isolde, v.re.), René Pape (Marke), Christa Mayer (Brangäne) und Stephen Gould (Tristan).

Wiederaufnahme bei den Festspielen

„Tristan“ in Bayreuth: Szenisch Schwarzgefrorenes

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Katharina Wagners Inszenierung von „Tristan und Isolde“ bleibt eine nihilistische Angelegenheit. Dafür darf der Lustdirigent im Graben aufdrehen. Eine Kritik der Wiederaufnahme-Vorstellung

Bayreuth - Es ist schon vorgekommen, dass er genervt abgewartet oder das Publikum angefahren hat. Zu spät kommen, zu lautes Herumkramen vor Beginn, Klingelton, nicht mit Christian Thielemann. Doch bekanntlich steht Bayreuths Pultmonarch dort im bedeckelten Graben und kriegt von oben wenig mit. Gern hätte man erlebt, wie er bei dieser „Tristan“-Wiederaufnahme reagiert hätte: auf Besucher, die sich nach Beginn lange und vergeblich durch eine Reihe drängen, auf dreimaliges Handyklingeln oder auf jenen therapiebedürftigen Buhrufer, der seinen Unlaut nach dem letzten Liebestod-Ton von Petra Lang absonderte, mitten ins Nachspiel hinein. Früher war alles besser? Scheint so.

Auch äußerlich. Runden drehen ums Festspielhaus geht nicht mehr wegen der Sicherheitsbarrieren, der Platz auf der Nordseite ist ohnehin zugemüllt mit Lieferwagen und einer Planen-Absperrung zur Fördererlounge, mittendrin ein hässliches rotes BR-Zelt, aus dem tags zuvor während der Eröffnungspremiere das Radioprogramm per Lautsprecher die Pausenflaneure belästigte. Wenigstens gibt es jetzt Bio-Currywurst für 7,80 Euro und viel Konstanz bei der aktuellen Arbeit der Hausherrin.

Petra Lang bleibt eine Kompromiss-Isolde

Noch immer ist „Tristan und Isolde“ für Katharina Wagner eine nihilistische, ausweglose Angelegenheit. „Dumpfes Brüten“ schrieb ihr Uropa gern als Regieanweisung, hier dauert das vier Stunden. Jeder ist auf sich zurückgeworfen, etwas mehr über die Figuren hätte man dennoch gern erfahren. Szenisch Schwarzgefrorenes, surreale Visionen, wahlweise in einer Treppenlandschaft à la Escher, die nun besser ausgeleuchtet, fokussierter scheint, oder im Nichts des Schlussaktes, in dem Isolden-Doubles den todwunden Tristan aus schwebenden Dreiecken locken. Dazwischen Markes Gefängnisarena, Schauplatz des Liebesduetts und eines enttäuschten Königs, den heuer René Pape erstmals singt und mit ungeschmeidigem Bass (eine Indisposition?) unter seinen Wohlklangmöglichkeiten bleibt.

Petra Lang, nach Verlassen des Mezzo-Fachs für Wagners hochdramatische Heldinnen gerade sehr gefragt, bleibt eine Kompromiss-Isolde. Klangformung ist ihr wichtiger als Diktion, vom Text versteht man so gut wie nichts. Dramatischen Aplomb meistert sie (wenn auch oft mit angeheulter Intonation), in den Konversationsstrecken ist die Stimme wie weggeblendet. Dafür imponiert Stephen Gould als bis ins Finale kerngesunder, sich verströmender Tristan, um den weder Publikum noch Dirigent fürchten müssen. Bei Christa Mayer (Brangäne) und Iain Paterson (Kurwenal) freut man sich über die singspielende Intensität, die eigentlich nach stärkerer Beschäftigung verlangt.

Doch Katharina Wagners Regie-Dezenz hat einen Vorteil. Tür und Tor sind geöffnet für Christian Thielemanns Machtdemonstration mit dem Festspielorchester. Nach manch veganem Wagner-Abend gibt man sich zu gern diesem Lustdirigenten hin. Den „Tristan“ hat er im kleinen Finger, die Musiker finden hörbar Spaß an den Detailfummeleien, auch am immer kanalisierten, zielgerichteten Aufgischten. Bis auf drei, vier hingebungsvoll zelebrierte Wundermomente ist Thielemann flott unterwegs. Keine Sekunde verliert er sich in der Partitur, stets ist bestechende Disposition zu spüren. Und manchmal ist diese Interpretation so zweideutig, dass man vom Zuhören rot wird. Wenn auf der Bühne das meiste hormonell unterversorgt bleibt, muss ja einer liefern.

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