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Glücklich über die Heimkehr: das Ensemble des Gärtnerplatztheaters.

Wiedereröffnung des Münchner Gärtnerplatztheaters

Wiedereröffnung am Gärtnerplatz: Die schrecklich nette Familie ist zurück

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Mit der Eröffnungsgala „Es ist soweit!“ feiert das Münchner Gärtnerplatztheater an diesem Wochenende seine Rückkehr ins renovierte Stammhaus. Lesen Sie hier die Eindrücke unseres Kritikers: 

München – Richard selig hätte noch gefehlt, vielleicht mit dem deftigen „Einzug der Gäste“ aus dem „Tannhäuser“. Aber sonst: alles da. Verdi, Rossini, Lehár, Johann Strauß plus Musical, jene große Pizza mit allem, die schon immer das Repertoire des Hauses ausmacht. Puristen mögen sich ob der Nummernfolge in Krämpfen winden – Bizets „Perlenfischer“-Schmachtduett hart geschnitten an den „Kanonensong“ aus Brechts „Dreigroschenoper“, das muss man sich trauen. Aber, oh Wunder, es funktioniert. Weil hinter allem ein Intendant seht, Verführer, Striese und Krisenmanager zugleich, der alles in eine flott dahinflutschende Struktur bringt, auf dass es am Ende viele tränenfeucht von den Sitzen reißt: endlich wieder daheim am Gärtnerplatz.

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Große Promi-Show im Auditorium

Und manchmal, so wie bei dieser emotionalen Eröffnungsgala, ist die Show im Auditorium fast besser als die auf der Bühne. Die Kesslers stehen ja quasi seit der Erst-Eröffnung auf der Premierenliste. Doch dann: Glitter-Moderator Ralph Morgenstern, Landtags-Mutter Barbara Stamm, Lambert Hamel plus die Ex-Intendanten Hellmuth Matiasek und der geschasste Ulrich Peters (derzeit Münster), der den Sportsgeist hatte zu kommen. Sogar eine eigene Version von k.u.k.-Herrlichkeit in der Mittelloge, hinter Herzog Franz von Bayern gab Staatsopern-Chef Nikolaus Bachler sein mutmaßliches Debüt am Haus.

Und das strahlt. Was so eine fünfjährige Bau-, vor allem Putzaktion alles ausmachen kann: aufgefrischt der rotgüldene Innenraum, heller die Wandelgänge. Die Wandmalereien im großen Foyer treten stärker hervor. Wer will und muss, kann endlich Aufzug fahren. Und wer ganz dringend muss, hat kein Ekel-Erlebnis mehr – die Toiletten, das nimmt man im Doppelsinn erleichtert zur Kenntnis, sind im 21. Jahrhundert angekommen. 

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Von all den sonstigen technischen Maßnahmen kriegt der Besucher kaum etwas mit, auch nicht vom neuen Verwaltungstrakt. Wer hier seinen Abend verbringt, fühlt sich sofort heimisch; warm und eng bis zum Hautkontakt war das Theater schließlich schon früher. Draußen wandeln bereits eine Stunde vor Beginn Stelzenläufer über den Platz und beschweren sich gespielt genervt bei Passanten („Ihr wisst’s ja gar ned, wos des für a Stress is.“), Livrierte reichen Gärtnerplätzchen. Drinnen holt das Ensemble dann aus zur Leistungsschau. 

Führte durch die Gala: Sigrid Hauser.

Intendant Josef E. Köpplinger wird bejubelt, als er von der Hinterbühne an die Rampe schreitet und vom Theater als „Ort einer gelebten Utopie“ schwärmt. 36 Solisten, 20 Tänzer, Choristen, das Orchester samt Dirigenten-Trio Anthony Bramall, Andreas Kowalewitz und Michael Brandstätter werden aufgeboten, das schon die nächste Renovierung heraufbeschwört. Knallig und Nachhall-arm war das Haus immer. Doch fast alle Nummern werden offenbar verstärkt. Es gibt ordentlich was auf die Ohren, die akustische Fraktion müsste sich das nochmals dringend überlegen.

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Ehrliche und professionell arrangierte Freude über die Heimkehr

Die zweieinhalbstündige Freude über die Heimkehr ist ehrlich und zugleich hochprofessionell arrangiert. Ein paar Requisiten für die Szenen-Häppchen reichen, auf dass dieses starke Ensemble seine Präsenz ausspielen kann. Manchmal wird es ganz klein, intim, wenn die Senioren Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner mit „Anatevka“ von ihrer noch jungen Liebe singen, einiges überrascht wie Elaine Ortiz Arandes mit einem Volkslied aus Puerto Rico. Vieles ist aus dem Repertoire übernommen, anderes wie das 14-stimmige Ensemble aus Rossinis genialer „Viaggio a Reims“ weckt Hoffnungen auf eine künftige Produktion.

Das Ballett verrenkt und wirbelt sich durch Johann Strauß’ „Unter Donner und Blitz“. Hervorhebungen verbitten sich ansonsten, alle sind anlassgemäß aufgekratzt wie Pferde, die endlich aus der Box durften. Und die Idee, Sigrid Hauser mit Zitaten zum Thema Theater moderieren zu lassen, ist das geistreiche i-Tüpfelchen. Knapp zwei Wochen nach der bizarren Nationalanstrengung zur Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper zeigt das Gärtnerplatztheater, wie’s geht: Hier feiert sich, ob vor oder hinter der Rampe, eine schrecklich nette Familie.

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Nach fünf Jahren Sanierung: So schön ist das neue Gärtnerplatztheater

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