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Wohin man schauen muss, man weiß es nicht: Ein Festakt samt Opernpremiere beendete die sechsjährige Renovierungszeit.

Wiedereröffnung nach sechs Jahren Sanierung

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth: Die Wilhelmine-Silja-Show

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Gut 29 Millionen hat die Sanierung des Markgräflichen Opernhauses Bayreuth gekostet. Die Investition hat sich gelohnt: Das weltweit schönste Barocktheater kann wieder bespielt werden.

Bayreuth - Vielleicht 20 Meter, länger ist es nicht bis ins Himmelreich. Von der sandfarbenen Außenfront mit ihren vier Säulen, über die steinerne Götter und Musen wachen, durch eine der drei Türen hinein ins Kassenfoyer. Das ist noch immer so weiß, so karg, dass der Erstbesucher stutzt: Weltkulturerbe? Doch die Augendiät ist Programm. Ein paar Schritte, ein kleines Foyer und eine Tür weiter reißt es den Kopf bis zur Halswirbelgefährdung. Wohin man zuerst blicken muss, man weiß es nicht. Hinauf zum Deckengemälde, zu den bemalten Logen, zu den Treppen, die sich vom ersten Rang ins Parkett ergießen. Zu den von güldenem Blätterwerk umrankten Säulen, zu den Putten und anderen Flügelwesen. Oder nach vorn zur Bühne, wo sich ein Portal öffnet, das nun, nach sechs Jahren Renovierung, wieder auf Originalgröße gebracht wurde.

Der kleinere und fünf Jahre jüngere Bruder, das Münchner Cuvilliéstheater, muss nun stark sein. Wo an der Isar das Gold auf den Besucher niederstürzt, ihn mit Rokoko fast bedrängt, öffnet sich am Roten Main gebieterisch und nobel ein Barocktempel. Mit seiner Ausbuchtung vor dem Proszenium, die geschickte Vorgaukelung eines Querschiffs, ist das Markgräfliche Opernhaus ohnehin mehr Kirche als Theater. Und genügt sich selbst als Thema eines ganzen Abends: Wer hier sitzt, kann zweieinhalb Stunden lang schauen und staunen. Die Aufführung? War schon anno 1748 zur Ersteröffnung für Bayreuths Hautevolee eher Sättigungsbeilage.

Gebrauchsspuren im Innenraum sind gewollt

Gut 29 Millionen Euro hat die Sanierung gekostet inklusive technischer Aufrüstung. Noch immer blendet der Innenraum nicht, doch das Diffuse, extrem Patinierte ist nun beseitigt. Das Opernhaus sieht nicht so aus, als sei es einer Disney-Fantasie entsprungen: Gebrauchsspuren an Holz und Malerei sind gewollt. Einmal zu fest die Wand gestreichelt, schon droht der schmerzende Schiefer, denkt man sich. Ein Erlebnis im mikro- wie im makroskopischen Bereich. „Es ist Wilhelmines Haus“, betont Hans-Jürgen Drescher, Präsident der Theaterakademie August Everding, in seiner Rede. Die Markgräfin sei in ihrer Kunstbesessenheit, in ihrer Funktion als Ermöglicherin mit Everding vergleichbar. Außerdem: Regisseure und Restauratoren hätten ja einiges gemeinsam – beiden gehe es um die Befreiung von falschen Übermalungen.

Doch vor der Kunst die Pflicht. Festakt mit hoher Politik also, eingeleitet von zwei schmetternden Fanfarenbläsern. Nur geladenes Volk, darunter Festspielchefin Katharina Wagner und Christian Thielemann. Und eine nostalgiebefrachtete Rückkehr. Vor fünf Jahrzehnten verließ Anja Silja, Muse, Geliebte von Wieland Wagner und seine mädchenhafte Hochdramatische, den Grünen Hügel, jetzt kehrt sie auf die andere Bayreuther Bühne zurück. Kurz singend am Ende, vor allem aber sprechend, Briefe lesend. Nicht mit der Wucht einer alternden Heroine, sondern mit der Ausstrahlung einer starken, modernen Frau.

Rückkehr einer Bayreuth-Legende: Anja Silja (li.) als Markgräfin Wilhelmine.

Anja Silja ist Wilhelmine. Mittelpunkt der Eröffnungsproduktion, die sehr, sehr viel sein will. Wiederbelebung von Johann Adolf Hasses „Artaserse“, 1748 zur Einweihung gespielt. Demonstration des barocken Maschinenzaubers – wozu ein Modell des Hauses auf die Bühne gestellt und allmählich auseinandergenommen wird. Überblendung mit der Historie und Erinnerung an Wilhelmine, an ihre despotische Mutter, an den brutalen Vater und an den so feinsinnigen Bruder Friedrich. Und natürlich Leistungsschau der Theaterakademie, die den Zuschlag bekam für den großen Tag.

Furchtbar gut gemeinte Inszenierung

Der Abend keucht und ächzt unter der Dramaturgenlast. Neben dem gekürzten „Artaserse“ inklusive umgemodelter Musiknummern gibt es Teile aus Hasses „Ezio“ (ebenfalls 1748 in Bayreuth aufgeführt) und sogar eine selbst komponierte Arie Wilhelmines. Die Inszenierung von Balász Kovalik irrlichtert zwischen barockem Pasticcio und gespieltem Schulfunk. Von der eigentlichen „Artaserse“-Handlung bekommt man – auch wegen fehlender Übertitel – so gut wie nichts mit. Die Geschichte vom persischen König, seinem bösen Oberbefehlshaber nebst erotischen Verwicklungen verschwindet hinter der Wilhelmine-Silja-Show. Das brutale Patriarchat am Preußenhof, ein Kronprinz, der der Hinrichtung seines Freundes Katte beiwohnen muss, die nach Bayreuth geschickte Prinzessin, die dort mit dem geliebten Bruder korrespondierte, unterm Provinzschicksal litt und, so behauptet die Aufführung, ins Depressive abtauchte, das freilich wird deutlich. Ein Projekt, das furchtbar gut gemeint ist.

Dass Hasse von seinen Sängern Kniffliges verlangt, hört man. Die Studenten schlagen sich achtbar bis gut. Um sich souverän in dieser Musiksprache zu bewegen, deren Dialekt sich doch sehr vom benachbarten Händel und Vivaldi unterscheidet, bräuchte es längere Praxis. Die hat dafür die Hofkapelle München. Was Dirigent Michael Hofstetter mit den Musikern anstellt, adelt den Abend. Mit „Didone abbandonata“ ist man 2011 für die Theaterakademie schon einmal in den Hasse-Kosmos eingetaucht, das zahlt sich jetzt doppelt aus. Alles federt, swingt, ist hochtourige, trotzdem immer geschmeidige Dramatik. Ein Fest der Farben, Nuancen, eine Jonglage mit der Partitur. Und auch ein akustisches Ereignis: Das Markgräfliche Opernhaus lässt der Musik Raum zum Atmen. Nichts klingt zu direkt oder knallig, auch hier also Noblesse und selbstbewusste Pracht.

Ein Fehler, würde man diesen einzigartigen Raum nur als Anschauungsobjekt nutzen. Demnächst gibt es zwar Promi-Abende bis zu den Berliner Philharmonikern. Doch ein Barockfestival (als Gegengewicht zu den Festspielen und Zusatzmagnet), eine regelmäßige Bespielung durch auswärtige Operntruppen, da hat – so ist zu hören – die kaum inhaltlich denkende Schlösserverwaltung den Daumen drauf. Sogar die Bayreuther Festspiele mussten mit einer kleinen Uraufführung in ein Kino ausweichen. 29 Millionen für einen fast durchgängigen Museumsbetrieb, das wäre dann doch zu hinterfragen.

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