Premiere im Münchner Nationaltheater

Wiedergänger in der Wasserlache

Was man nicht alles mit Alban Bergs "Wozzeck" anstellen könnte. Ihn in der Zeit von Georg Büchners Vorlage spielen lassen, also als tragischen Fall der 1820er-Jahre aufrollen.

Oder, mit gewissen Reibungsverlusten, ins Heute holen, als Studie über die Verlierer aus den Zonenrandgebieten unserer Städte.

Oder ihn gar als Albdruck des Antihelden schildern, der, von den Gruselgestalten seiner Visionen gepeinigt, in den Wahn getrieben wird und schließlich zum Messer greift.

Und spätestens nach den 100 Minuten dieser Aufführung begreift man: Nicht eine Lösung hat man hier gesehen, sondern womöglich alle. Es ist die am heftigsten bejubelte Premiere der Bayerischen Staatsoper seit langem. Ein Triumph. Vor allem für Regisseur Andreas Kriegenburg und seine bescheidene, umso eindringlichere Lesart. Auch für Michael Volle in der Titelrolle und seine bis zur Selbstentäußerung reichende (Gesangs-)Darstellung.

Und für Kent Nagano, der sich mit dem Bayerischen Staatsorchester fürs Schmerzlich-Schöne und Zerbrechliche der Partitur interessiert, ohne sich den eruptiven, ja brutalen Momenten zu verweigern.

Es tropft und leckt, so scheint’s, durchs Dach des Münchner Nationaltheaters. In eine riesige, zentimetertiefe Wasserlache, durch die die Figuren schlurfen und patschen.

Die das Licht irrlichternd reflektiert. In die auch gelegentlich Essensreste geworfen werden, um die sich dann anonyme Schwarzmänner balgen, und über der ein offener Bühnenkasten schwebt, der sich wie beim Zoom vor- und zurückbewegt. Ein Innenraum, Maries Zimmer oder die Doktor-Praxis, dessen unmerkliches Schwanken Haltlosigkeit signalisiert. Eine Bühne, so spektakulär wie simpel. Und eine Szenerie, die krank macht: Kaltschweißig glänzt Wozzecks Gesicht, den kellerfeuchten Moder, man glaubt ihn schier zu riechen.

Kriegenburg und seine hervorragenden Ausstatter Harald B. Thor (Bühne) und Andrea Schraad (Kostüme) finden eine eigentümliche Ästhetik. Eine Mischung aus Stummfilm-Expressionismus, stilisierter Choreographie und traumsymbolhaften Andeutungen. Eine Regie, so genau, unprätentiös und musikalisch, die oft mit einfachsten Theatermitteln arbeitet. Eine Regie, die die "Temperatur" jeder dieser 15 Szenen erfühlt. Vor allem aber eine Inszenierung, die jenem Blutlachen-Naturalismus entgeht, der das Drama nur verkleinern würde: Kein Messer, sondern eine rotbefleckte Frauen-Puppe stößt Wozzeck seiner Liebsten in den Bauch.

Sind’s also Wozzecks Visionen? Oder ist er doch einer dieser lemurenhaften Wiedergänger? Doktor, Hauptmann und Tambourmajor werden zwar grell überzeichnet. Marie lässt das Werben der beiden Liebhaber wie eine stolz aufgerichtete Puppe über sich ergehen. Doch auch Wozzeck, bleichgesichtig und mit fettig klebendem Haar, scheint ein Teil dieses Albtraums.

Dank Kriegenburg und des großartigen Aurelius Braun weitet sich der Abend zur Dreiergeschichte: Der "Bu’", das uneheliche Kind, ist anders als im Libretto, kein Baby mehr. Zerrissen zwischen den Eltern wird dieses Beziehungsopfer, bis es "Hure" an die Wand pinselt, auf eine Frauenpuppe einsticht und am Ende rat- und hilflos auf der Leiche Wozzecks sitzt.

Manchmal möchte man hier Michael Volle fast warnen vor seiner Lust am Expressiven und der Rücksichtslosigkeit, mit der er die Rolle an sich reißt. Mit aufgerissenen Augen, verquält gekrümmt, wie ungläubig staunend über sein Schicksal, ist dieser Wozzeck der Handlung ausgeliefert. Bergs genaue Abstufungen vom lyrischen Melos über den auf Tonhöhen notierten Sprechgesang bis zum kraftvollen Ausbruch und zum Schrei zeichnet Volle mit einer Unbedingtheit nach, die ihn zu einem der ganz großen Berg-Interpreten machen.

Herber, unnahbarer wirkt die ausstrahlungsstarke Marie der Michaela Schuster, auch ungeschützt und stimmlich etwas hart in dramatischen Momenten. Doch der Abend ist ja mehr als eine Summe von Solo-Leistungen: Zu spüren ist, wie Kriegenburg und Nagano das Ensemble in diese Oper förmlich hineingezogen haben. Ein Ensemble, das genau artikuliert und in dem es neben akzeptablen Besetzungen wie Jürgen Müller (Tambourmajor) und Clive Bayley (Doktor) auch Herausragendes wie Wolfgang Schmidt (Hauptmann) und Kevin Conners (Andres) zu erleben gibt.

Ihnen allen kommen Kent Naganos Feinzeichnungen zugute. Hier, nicht bei Tschaikowsky oder Mozart, ist Münchens GMD daheim. Hellwach für die Nuancen der Partitur lässt Nagano Bergs Klangraum behutsam entstehen. Eine Interpretation, die nicht auftrumpft, sondern mit flexiblem Klang zum Hinhören einlädt. Und gegen Ende, wenn Wut und Kampf und Konflikte zunehmen, das in der Musik widerspiegelt. Eine Lesart folglich, die Berg nicht nur aus dem (Rück-)Blick der Moderne begreift, sondern ihn in eine fast impressionistische, manchmal sogar spätromantische Tradition stellt.

Ovationen - und Gelächter für Nagano, als er am Ende mit hochgekrempelten Hosenbeinen barfuß über den Bühnensee stelzte. Dennoch: Der Regisseur als Held des Abends? Das ist ungewöhnlich. Und lässt tief blicken, welchen Nerv Andreas Kriegenburg mit dieser großen Produktion getroffen hat: Bangemachen vor Berg gilt nun nicht mehr. Die neue Ära an der Staatsoper, sie hat wohl erst mit "Wozzeck" begonnen. Markus Thiel

Weitere Aufführungen:

13., 16., 20., 23. November, Tel. 089/ 2185-1920.

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