Wiedergeburt eines Künstlers

- Ein Buch, das vor 70 Jahren im embryonalen Zustand bereits eingesargt wurde, erblickt jetzt das Licht der Welt. Und rühmt seinen alten Urheber, aber auch die Geburtshelfer von heute, das Sammlerpaar Ann und Jürgen Wilde. 1931 plante der Foto-Künstler Moï Wer ein Buch, das sich ganz den ästhetischen Möglichkeiten dieses Mediums widmen und eben nicht irgendetwas porträtieren sollte. Er hatte auch schon den Titel, "Ci-contre" (gegenüber, nebenstehend). Das Cover war konzipiert: mit einer Überblendung von Eiffelturm und einer Brennnessel sowie aufgemalten Schriftzügen, Seitenzusammenstellung und Layout standen fest. 2004 halten wir den Band erstmals in Händen, von den Wildes sorgfältigst nach Wers Vorstellungen ediert.

<P>Dieses Wunder ist aber auch in einer Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zu bestaunen, klugerweise eingebettet in die Abteilung Klassische Moderne, wozu diese Aufnahmen ja tatsächlich gehören. Moï¨ Wer lässt die 110 Fotografien - zum Teil kopierte er bis zu fünf Negative übereinander - in Dialoge zueinander treten. Da dampft ein Riesenschiff, aus der Waagerechten gekippt, steil nach unten, während eine historistische Sphinx daraufprojiziert ist. Das Motiv Wasser und Urlaub nimmt der Künstler mit den beiden Badenixen unter dem Dampfer-Bild wieder auf, während der nebenstehende Ausschnitt aus einer besonnten Fassade das biedere Zuhause symbolisiert. Wer untersucht die visuellen Ordnungen von Stadt und Natur: wimmelnde Menschen und wimmelnde Sommersprossen auf der Nase; sich wie im Rorschach-Test symmetrisch aufklappendes Geäst, das serielle Stakkato von Zaunlatten, deren Schatten oder vom Zickzack-Profil einer Fabrik-Dachlandschaft; die Zufallsordnung in einer Eierkiste auf dem Markt und auf einem Kiesstück; Schiffsmasten im Dämmer, überzuckert mit Lichtreflexen, und schwarze Zweige.<BR><BR>Das Prinzip des Ci-contre bezieht sich nicht nur auf die Doppelseiten des Buchs, es ist durchgängig und entführt so auf eine optische Entdeckungsreise. Es bezieht sich genauso auf Moï Wers Schicksal. 1904 als Moï¨se Werebeischyk in einem Schtetl bei Wilna geboren, studierte er Malerei und kam 1927 ans Dessauer Bauhaus. Dort begegnete er der experimentellen Fotografie eines Laszlo Moholy-Nagy. Paris und eine Leica machten Wer zu einem leidenschaftlichen Fotografen. Mit den Bildbänden über das Getto von Wilna und Paris hatte er großen Erfolg. "Ci-contre" sollte der Münchner Kunsthistoriker Franz Roh, der sich für die aktuelle Fotoarbeiten einsetzte, herausgeben. Die Nazi-Zeit würgte nicht nur diese Aktivität ab, sie ließ auch Wers Können vergessen. Erst das Sammlerpaar Wilde, das den Roh-Nachlass erhielt, forschte Moï¨ Wer nach. Er lebte (bis 1995) als Moshe Raviv in Israel, wo er die Künstlerkolonie Safed gegründet hatte. Religiöse Malerei war sein Lebensinhalt geworden.</P><P>Bis 27. Februar, Tel. 089/ 23 80 53 60; Buch in Quadtone-Verfahren: 49 Euro.</P>

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