Die Wiederkehr des ewig Gleichen

- Sonne, Palmen, azurblaues Meer, gelber Strand und davor ein roter Teppich, auf dem Nicole Kidman flaniert. Zu schön, um wahr zu sein. Die große Illusion, das ist nicht nur ein Film von Renoir, sondern das heimliche Thema dieser Kinogroßveranstaltungen, die das Jahr unterteilen, und wie bei einer Olympiade einige zu Götterlieblingen küren, andere in den Hades der Versager verdammen.

<P>In Cannes wird diese Illusion perfekt: eine Matrix, die jedes Jahr wieder aufgeladen wird. Und so hätte es keinen besseren Gast geben können, als Lars von Trier. Er ist ein Fundamentalist der ewigen Wiederkehr des Gleichen, zeigt dabei aber doch immer Neues: Wieder stellt er in "Dogville" eine Frau ins Zentrum einer Passionsgeschichte _ so viel wie diesmal musste Nicole Kidman im Kino noch nie leiden. Sie spielt eine moderne Heilige, die es unter religiöse Puritaner verschlägt, die vor nichts zurückschrecken. Der Film arbeitet mit Brecht-Verweisen, ist dabei von franziskanischer Strenge, fern aller Traumfabrik-Exzesse. Triers Exerzitien der Wahrnehmung drehen sich mit unvergleichlicher Radikalität um die Grenzen des Kinos. Und Nicole Kidman beweist hier einmal mehr, was für eine großartige Schauspielerin sie ist.</P><P>Das krasse Gegenteil bot "Purple Butterfly" von Lou Ye, der vor zwei Jahren mit "Suzhou River" begeisterte. Ein opulent inszeniertes Drama um vier Personen, angesiedelt in den frühen 30ern, im China unter japanischer Besatzung: ein Reigen aus Liebe und Verrat. "Purple Butterfly" wirkt wie die chinesische Variante eines Sergio-Leone-Films: Es war einmal in Shanghai. . . Im ständigen Regen der Metropole prasseln auch die Gefühle heftig aufeinander, melancholischer Jazz tönt aus dem Off, und es gibt immer neue Abschiede und Wiederbegegnungen. Ein intelligenter Film mit wunderbar spielenden, schönen Darstellern, vor allem Zhang Ziyi. Einen dritten Akzent neben dem pädagogischen Furor von Triers und Lou Yes setzte Michael Haneke. Wäre seine "Zeit der Wölfe" nicht außer Konkurrenz gelaufen (Jurypräsident Patrice Ché´reau spielt darin eine Rolle), hätte der Film ernsthafte Preischancen gehabt. Spannend, herausfordernd, spröde.</P><P>Erwähnenswert ist auch Clint Eastwoods "Mystic River" über drei Kindheitsfreunde und den Einbruch einer Tragödie in ihr ganz normales Leben. In starker Form, wie gewohnt, die französischen Beiträge: André´ Té´chiné´s "Les É´garé´s" und Franç¸ois Ozons surreales Psychokammerspiel "Swimming Pool" skizzierten Situationen, in denen die verlässlichen Regeln des menschlichen Zusammenlebens für einen langen Augenblick außer Kraft gesetzt schienen. Während Té´chiné´ eine kurze sonnige, von wehmütigem Unterton durchwehte Anarchie zeigte, bot Ozon eine Buñ~uel'sche Farce um körperliche und geistige Ausbeutung.Generell schätzen erfahrene Beobachter die künstlerische Qualität des diesjährigen Festivals als sehr schwach ein. </P><P>Dazu passten auch die beiden deutschen Beiträge in Nebenreihen: "September" von Max Färberböck als verquaste Polit-Exploration und "Kleine Freiheit" von Yüksel Yavuz einfach nur als belangloses Etwas. Auch die französische Presse geht mit der diesjährigen Wettbewerbsauswahl hart ins Gericht. Doch all dies wird gegenüber den starken Eindrücken aus diesem Kinomekka bald verblassen. Zu denen gehören die jeweiligen Sieger, aber auch der Star-Glamour am Abend auf dem roten Teppich. Zu schön, um wahr zu sein eben. </P>

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