Vom Wiegenlied zum Wehgesang

München - Das ist teuflisch. Am Ende ihrer Show "Berlin" klingen Lou Reed und seine Band so lieblich wie den ganzen Abend nicht. Da vermischt sich in Münchens Philharmonie der Song "The Kids", der wie ein Wiegenlied wirkt, mit markerschütternden Kinderschreien.

Die hellen Stimmen, die verzweifelt nach der Mutter rufen, verwandeln den Wohlklang in Beklemmung. Es sind diese Kinderstimmen, die schon vor 35 Jahren für Entsetzen gesorgt haben.

1973 veröffentlichte Reed das Album "Berlin". Es sollte sein Opus Magnum sein, doch es hinterließ nur Fassungslosigkeit. Nach der Erfolgsplatte "Transformer" erwartete sein Publikum weitere Hits à la "Walk On The Wild Side". Stattdessen lieferte er sperrige Songs mit verschrobenen Melodien und bedrückenden Themen: Berlin, wo Reed mit seinen Kumpels Iggy Pop und David Bowie in den 70er-Jahren lebte, ist für ihn Schauplatz von Prostitution, Drogensucht und häuslicher Gewalt. Inzwischen ist das Album als Meisterwerk anerkannt.

Eines, das er nun zum 34. Mal chronologisch und in voller Länge aufführte. Die bestuhlte Philharmonie erweist sich - im Gegensatz zu sonst üblichen Rock-Arenen - als geeigneter Ort. Denn "Berlin" bietet keine Rockmusik mehr, die in die Hüften schießt, sondern eine für den Kopf. Zu der Geschichte einer drogenabhängigen Mutter, die vom Freund geschlagen wird, ihre Kinder verliert und schließlich Selbstmord begeht, lässt sich auch schlecht tanzen.

14 Musiker und ein Kinderchor unterstützen Reed. So klingt "Berlin" live opulenter als auf Platte. Der Chef selbst hält sich zurück. Die vertrackten Passagen überlässt er seinen Mitmusikern, den Chorus oft einer Sängerin. Reed bewegt sich kaum, nur hin und wieder schlurft er mit schwerem Schritt zu einem Bandkollegen. Auch sein faltiges Gesicht zeigt kaum Gemütsregungen. Die löst er mit seiner leicht brüchigen, dunkel gefärbten Stimme aus.

Als der letzte traurige Ton von "Berlin" verstummt - noch vor dem Zugabe-Block - erhält Reed Standing Ovations. Besonders viel Applaus bekommt der grandiose Kinderchor. Sein engelsgleicher Gesang mutiert bei "The Bed" zur unheimlichen Kakophonie. Aus dem Wiegenlied wird ein Wehgesang.

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