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Alfred Dorfers neues Programm ist mit das Beste, was derzeit im deutschsprachigen Kabarett zu erleben ist. 

Kabarett-Premiere im Münchner Lustspielhaus

Alfred Dorfer zieht um

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München - Alles muss raus: Alfred Dorfer, Wiener Kabarettist und Träger des Deutschen Kabarettpreises, stellte sein neues Programm „Und“ im Münchner Lustspielhaus vor. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

Was nimmt man mit, was lässt man zurück, was entdeckt man wieder, von dem man gar nicht mehr wusste, dass man es besitzt? Der Umzug ist die ideale Chiffre für eine Lebensbilanz samt Blick in die Zukunft. Und so bewegt sich Alfred Dorfer auf der Bühne, die seine mit einem Stuhl und ein paar Kartons spärlich möblierte Wohnung darstellt, und orientiert sich. Schlicht „Und“ heißt das neue Programm des Wiener Kabarettisten, das am Mittwochabend im Münchner Lustspielhaus uraufgeführt wurde.

Dorfer ist ein begnadeter Beobachter des Zeitgeists

Nicht ein Trumm unbrauchbares Gerümpel ist bei den Sachen, die der 55-Jährige da ein- und auspackt, dafür einerseits jede Menge Erinnerungsstücke und andererseits Gegenstände, die in keinem modernen Haushalt fehlen dürfen. Da findet sich die mit ostischem Akzent redende Mutter (Ähäfrau ist nurr Zweitwohnsitz!), der Tagtraum von der Elfe, in die man sich einst verliebte, längst vergangene Vater-„Freuden“. Doch diese Inventur ist frei von Sentimentalität, dem Blick zurück folgt in der nächsten Sekunde der Blick aufs Heute, und da zeigt sich, dass Dorfer ein begnadeter Beobachter des Zeitgeists ist.

Ein attraktiver grauer Wolf

Der „Löönsch“ (das „Meeting für Essgestörte“), überhaupt Anglizismen, das omnipräsente Smartphone und der blinde Glaube an schnöde Statistiken („Es gibt da eine neue Studie...“), Erziehungs- und Beziehungsalltag – mit größter sprachlicher Präzision wirft der Spötter, der auch ein wunderbarer Schauspieler ist, allerlei billigen Tand, den jeder kennt, auf einen großen Haufen. Verstaubte Politikerporträts hängen übrigens nicht in diesem dramaturgisch dichten Solo, was nicht heißt, dass Dorfer nicht politisch ist – ganz im Gegenteil. Die leere Bude macht die tragenden Wände erst recht sichtbar: „Wer einer Frau nicht die Hand geben will, weil sie eine Frau ist, der ist hier falsch!“

Nicht wenig echter Mann und sehr viel Philosoph ist dieser attraktive graue Wolf, der hier virtuos die Dinge sortiert. Wer will, kann sich manches mit nach Hause nehmen aus der Fülle der mehr oder weniger verschmitzt präsentierten Bonmots. „Wer viel weiß, hat deswegen noch lange nicht alles verstanden“ ist so eines, oder „Du kannst den Hahn einsperren, die Sonne geht trotzdem auf“. „Und“ ist voraussichtlich mit das Beste, was sich auf Kabarettbühnen im deutschsprachigen Raum in der nächsten Zeit miterleben lässt. Bei diesem Umzug sollten sich alle Fans des Genres sofort als „Helfer“ melden.

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