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Großtat im goldenen Musikvereinssaal: Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker.

Wiener Seitensprünge

Wien - München hat allen Grund zur Eifersucht: Thielemanns Beethoven-Projekt mit den Wiener Philharmonikern.

Ein unmoralisches Angebot, so schimpften die offiziell Verpartnerten. Er selbst sieht’s als Chronik eines angekündigten Seitensprungs. Sollten die Isarstädter da auch überreagieren: Münchens Philharmoniker haben allen Grund zur Eifersucht. Das Corpus Delicti liegt nun vor, drei Editionen mit insgesamt neun DVDs, auf denen Christian Thielemanns bei Beethoven erst recht entflammte Liebe zu den Wiener Philharmonikern bis zur letzten Achtel hör- und sichtbar wird.

Man muss schon weit zurückgehen, bis zu Karajan selig, um eine solche Generalstabstat zu finden. Ab 2008 alle Neune in zwei Spielzeiten im Wiener Musikvereinssaal aufgenommen, danach Zyklen in Paris und Berlin, Moskau und Japan folgen noch, alles inklusive PR-Termine: An Thielemanns Beethoven kommt derzeit kaum einer vorbei – mit Recht. Vermarktet (und von vielen so ersehnt) werden die Symphonien als „zurück zur Romantik“. Als Zeitreise in eine Ära, als das Klangbild kuschlig bis pathetisch war, als Musik überwältigen durfte und nicht mit Widerhaken zum analytischen Diskurs einlud. Und das Schönste ist: Gerade solchen Klischees widersetzt sich Thielemanns Einspielung.

Schwerlastiges: Egmont und Eroica

Gewiss gibt es Schwerlastiges. Zum Beispiel die „Egmont“-Ouvertüre, in der mit breiten Tempi enorme Energieschübe freigesetzt werden. Oder den Trauermarsch der „Eroica“, den Thielemann als großartiges Tondrama inszeniert, bei dem sich die Gardiners und Norringtons dieser Welt vor Abscheu schütteln dürften. Oder die letzten Minuten in den Kopfsätzen der Siebten und Neunten, die hier zu Coda-Türmen Bruckner’scher Dimension werden.

Aber da gibt es eben auch den anderen Thielemann. Den, der auf die Schnellkraft und den trennscharfen Klang der Wiener gerade bei den frühen Symphonien vertraut. Und der das Solisten-Potenzial des Ensembles nur zu gerne nutzt, dabei Raum für klangschöne Bläser-Episoden lässt.

Gewiss mögen manche Tempo-Vorstellungen, auch Verzögerungsspiele nicht à la mode sein. Doch Thielemann und die Wiener outen sich dabei weniger als „Romantiker“ (was auch immer das heißen mag), vielmehr als Praktiker: Dramatik wird klug vorbereitet. Die schnellen Noten der Siebten etwa geraten nie unter die Räder. Und wo bei anderen die raschen Sätze der Vierten abschnurren, wird deutlich, dass es sich bei dem Opus keineswegs um eine Munterkeits-Studie handelt. Schwächere Momente? Die bleiben angesichts dieses Kosmos nicht aus. Für den überdrehten Witz der Achten, ihr ironisches Imponiergehabe findet Thielemann nicht das rechte Rezept. Und die Sechste bleibt eine Spur zu kleinteilig, auch zu verbremst: Beethoven will eine „Szene am Bach“, bei Thielemann hört man einen sich sanft kräuselnden Stausee.

Thielemanns stärkste Momente: Theatralik

Wenn es theatralisch wird, wenn Außermusikalisches hereindrängt, hat Opernmann Thielemann seine stärksten Momente. Neben der Eroica passieren die im zunächst mächtigen, dann sich überschlagenden letzten Satz der Fünften, vor allem aber in der Neunten: Im Finale wird das „Freudenthema“ behutsam angefasst, zu substanzsattem Pathos gesteigert, bis bei Stellen wie „Ihr stürzt nieder, Millionen“ ein Tor zur anderen Dimension aufgestoßen wird.

Gleich von mehreren Bild-Regisseuren wurde der Zyklus eingefangen. Altmeister Brian Large schneidet mit ruhigen, der Musik vertrauenden Einstellungen am besten ab, wiewohl auch die anderen auf Mätzchen wie zu schnelle Schnitte und Schwenks (meist) verzichten. Mehr als Bonus-DVDs sind Thielemanns Gespräche mit Joachim Kaiser, auch wenn beide oft auf verschiedenen Ebenen miteinander verhandeln. Gelehrten-Pose trifft da auf flockig-klugen Maestro-Ton – Interviews, die mehr über die Herren als über Beethoven verraten. Packender ist anderes: jene Sätze, in denen die Musik taktgenau von Bernstein über Böhm und Karajan bis Thielemann zum Vergleich hintereinander geschnitten wurde, auch wenn Experten wie Harnoncourt oder Kleiber fehlen. Und München? Bleibt wenigstens ein Brosamen: Im März dirigiert Thielemann bei seinem Noch-Orchester dreimal die Siebte.

Ludwig van Beethoven: Neun Symphonien. Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann (9 DVDs, C Major).

Von Markus Thiel

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