Auf Wienerisch die Frauen bezirzt

- Da behaupte noch einmal jemand, die deutsche Comedyszene verausgabe sich in kurzlebigen Sketchen, in zeitgeistigem Geblödel und in Parodien, die schon witzlos sind, bevor die Parodierten in der Versenkung des Vergessens verschwunden sind. Das "Watzmann"-Team um Manfred O. Tauchen und Gabi Rothmüller hat weit in die Vergangenheit zurückgeschaut und das unverwüstliche Nibelungenlied ins Licht der Kleinkunstbühne gezerrt. "Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut" heißt ihr "Germanical", das jetzt im Münchner Lustspielhaus uraufgeführt wurde.

<P>Ein Fest für alle, die sich schon über die schräge Alpenklamotte vom Königssee ("Der Berg ruft!") scheckig lachen konnten. Denn Tauchens legendäre "Gailtalerin" erlebt hier eine Reinkarnation als ebenso stämmige Brünnhilde ("Ich pflücke Blumen, wer pflückt mich?"), und der "Bua" (Severin Groebner), der seinerzeit der verhängnisvollen Verlockung des schroffen Gipfels erlag, kehrt als Titelfigur Siegfried wieder. Ein beeindruckend schmalbrüstiger Recke, ein Jung-Stenz nicht vom Rhein, sondern von der Donau, der ("I bin a wüüda Hund!") schon durch sein breitestes Wienerisch jeden Gegner außer Gefecht setzt und jede Frau bezirzt.<BR><BR>Eine recht freie und unüberhörbar bayerisch-österreichische Interpretation des Stoffes also, mit einem Personal, das von Martina Münster aufs Herrlichste mit dem ausstaffiert wurde, was man so ganz spontan mit dem Mittelalter verbindet - grobe Felle, lange Bärte, klobige Schilde, monströse Helme, spitze Hüte. Und dazu wabert reichlich Nebel durch den Wald und um die Burg. Ein grober Mummenschanz, der zunächst (allzu) viele "Dé´jà` vu"-Erlebnisse beschert, bis endlich Alexander Liegl (auch Co-Autor) in der Rolle des eitel-einfältigen Königs Gunter neue Akzente setzt.<BR><BR>Erst jetzt kommt das Spiel um Liebe, Macht, Gold, Tod und eine Unheil stiftende Tarnkappe richtig auf Touren, formt sich so etwas wie eine Handlung aus bis dahin ziemlich unzusammenhängenden Auftritten. Die Darsteller (die meisten gleich in mehreren Rollen) vibrieren vor Spielfreude, neben den Profis können sich auch Amateure wie Lustspielhaus-Chef Till Hofmann sehen lassen. Die Kriemhild Ruth-Claire Lederles und die Fricka Gabi Rothmüllers bestechen durch ihren eher herben Charme, als dämonischer Bösewicht Hagen bleibt Norbert Steinke nachhaltig in Erinnerung. Dass seine und Zwerg Alberichs (Groebner) Fantasie von der Weltherrschaft ("Überall weh'n Fahnen, und wir bauen Autobahnen") eher heikle politische Assoziationen zulässt, geht zum Glück im allgemeinen Tohuwabohu unter.<BR><BR>Nicht unter geht dagegen die Musik. Im Gegenteil. Aron Altmann, Maenning Liebethal, Stefan Auer und Frank Schimann liefern rockige, im besten Sinne des Wortes bombastische Arrangements, wie man sie ebenfalls aus dem "Watzmann" kennt. Sie verleihen den zwischen originellem Wortwitz und derber Komik angesiedelten (Nach-)Dichtungen erst die eigentliche Raffinesse. Und beißt Siegfried auch durch schnöden Verrat ins Gras, die finale Schnulze "A so a Lebn muasst übalebn" macht ihn bei seinem Publikum unsterblich.</P><P>Bis 1. März täglich außer Sonntag und Montag, um 20.30 Uhr (Telefon: 089/ 34 49 74).<BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wettbewerb fürs Münchner Konzerthaus: Spektakeln sollen andere
Verhandlungen beendet: Das Bregenzer Architektenbüro Cukrowicz Nachbaur erhält wohl endgültig den Zuschlag für das Münchner Konzerthaus. Am kommenden Mittwoch debattiert …
Wettbewerb fürs Münchner Konzerthaus: Spektakeln sollen andere
Plattenfirma stoppt Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang
Nach dem Kollegah und Farid Bang einen Echo bekommen haben, stehen die beiden nun ohne Plattenfirma da. Das Musikunternehmen BMG stoppte die Zusammenarbeit mit den …
Plattenfirma stoppt Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang
 Der Bestseller
Tolle  Leihgaben - Im Bayerischen Nationalmuseum  ist erstmals eine umfassende  Schau zum Werk des  spätmittelalterlichen Münchner  Bildhauers Erasmus Grasser zu sehen
 Der Bestseller
Werden viele junge Erwachsene nun traurig sein? Die „Neon“ gibt‘s schon bald nicht mehr
Der Hamburger Verlag Gruner + Jahr stellt nach 15 Jahren sein Magazin „Neon“ ein. Das Heft erscheint am 18. Juni zum letzten Mal.
Werden viele junge Erwachsene nun traurig sein? Die „Neon“ gibt‘s schon bald nicht mehr

Kommentare