Wild springendes Adams-Quartett

- Wir in Europa denken, dass Pina Bausch das Tanztheater erfand. Aber die Bausch hat Anfang der 60er-Jahre just in den USA den Aufbruch der mit Texten und szenischen Bildern operierenden Tanz-Postmoderne miterlebt. Ganz neu ist also niemals nichts - erst recht nicht das Tanztheater des Kanadiers Dave St. Pierre. Aber in seiner Blut & Sperma-Handhabung dieses Montage-Genres - in der Nähe des deutschen Hans Kresnik -, hat er jetzt mit seinem "Pornographie der Seelen" Münchens Dance zumindest ein Radikal-Erlebnis eingefahren.

<P>St. Pierre und 13 weitere Darsteller, frontal an der Rampe, starten mit höchst spitzfindiger Chorus-Line-Parodie. Hecheln dann nackt gestrippt die Carl-Orff-Saal-Bühne hin und her, die Frauen ihre wabernden Busen mit Händen festhaltend. Es folgen in harten Schnitten zu Klassik-Pop-Mix: eine Frau, aufgebahrt in einer (Kunst-)Blutlache. Wild springendes Adams-Quartett. Ein Adonis, der vor blutrotem Hintergrund seine polierten Hinterbacken-Muskeln als tanzende Zeitlupen-Erotik feilbietet. Eine "good actress", Vogel- und sonstige Imitatorin, die schließlich als Beauty-Chirurgin die OP-Partien auf der entblößten fettleibigen "Patientin" schwarz markiert. Doch diese, ungerührt, knüpft ihre Zotteln zum Knötchen und tänzelt, enorm wabbelweiße Botero-Ballerina, Arme zierlich schwebend, dahin.</P><P>Zwischen solch unerwarteter zartkomischer Poesie und Brutal-Bildern - die Videos, auf denen es Menschen schrill kläffend wie Hunde treiben - pendelt dieser Seelen-Porno. Manches ist läppisch. Verfehlt auch der (schlecht) vorgelesene Manifest-Schluss: Wir, die Zuschauer seien ja die Schock- und Katastrophen-geilen Raubtiere. Aber die Darsteller, die wie bei Bausch auch Mit-Autoren sind, fangen dieses verspätete "(Tanz-)Theater der Grausamkeit" immer wieder auf. Genet und Lautré´amont hätten gewiss applaudiert.<BR>40 Jahre Batsheva Dance - Respekt. Kaum ein freies Modern Dance Ensemble erreicht diese Lebensdauer. Nach einer Durststrecke kam die israelische Compagnie Ende der 90er-Jahre zu neuem Ruhm. Der damals Furore machende Choreograph Ohad Naharin hatte die Leitung übernommen. Jetzt war sein Stück "Mamootot" als Deutschland-Premiere bei Münchens Dance zu sehen.</P><P>Dass der Name Batsheva auch hier eine ungeheure Zugkraft hat, die Ölsardinendichte der wartenden Zuschauer im Muffathallen-Vorraum, das Hangeln nach einer letzten, zufällig frei gewordenen Karte bewiesen es. Mit Sicherheit sind da auch noch die "jungen" kreativen Naharin-Stücke in Erinnerung, die das Staatsballett 1991/ 92 ins Repertoire nahm. Dass man aber auch, wie schon beim Batsheva-Gastspiel bei Dance 1998, letztlich wieder enttäuscht war, ist ebenfalls Tatsache.</P><P>Auf offener, rundum bestuhlter Bühne wickelt sich "Mamootot" ab als zäh abstrakte Choreographie, beziehungsweise lediglich: als ein pointiert regelmäßiges Wechselmuster von leise Klang-untermaltem Solo oder Duo und überlaut Popsong-umschrillter Gruppe. Mädchen wie Männer tragen knielange Overalls von aschener Farbe. Nicht bedeckte Haut ist kalkig gepudert. Neun Wiedergänger vielleicht, die - bei gutwilliger Deutung - so etwas wie einen Tanz zwischen der Stille des Sterbens und frenetischem Lebens & Vergnügungswillen aufführen.</P><P>Die barock ziselierten Fecht-Haltungen und klassischen Ballett-Positionen waren in den 80ern Markenzeichen des zu früh verstorbenen Franzosen Dominique Bagouet. Hier stechen sie zu befremdlich, weil schmückend heraus. Naharin hat für den kurzen langen Abend Fragmente früherer Arbeiten zusammenmontiert: verständliche Strategie eines gestressten Compagnie-Chefs. Ob das Ergebnis exportiert werden soll, ist eine andere Frage. Was das Ganze ein bisschen gerettet hat, ist die Ernsthaftigkeit seiner Tänzer.</P>

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