So wild und verletzlich wie früher

- Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich hat einen wahren Künstler als Menschen beschrieben, der sich sowohl seiner Stärken als auch seiner Schwächen bewusst ist und sich dafür entscheidet, das zu tun, was er gut kann. Nach Joe Cockers Konzert in der vollen Münchner Olympiahalle muss man zweierlei feststellen. Erstens: Joe Cocker ist ein grandioser Interpret. Zweitens: Joe Cocker ist ein echter Künstler, weil er gar nicht versucht, etwas anderes zu sein als ein Interpret.

<P class=MsoNormal>Spätestens mit der aktuellen "Heart & Soul"-Tour beschämt er all jene, die ihn nach spektakulären Flops und Alkoholexzessen als singenden Klempner verhöhnt hatten. Die Kritiker sind verschwunden, während sich Cocker mit nunmehr 60 Jahren womöglich auf dem Höhepunkt seines Schaffens befindet. Die Experimente mit schwülstiger Pop-Musik hat er beendet und auch die Attitüde des lebenden Woodstock-Mythos abgestreift.</P><P class=MsoNormal>Stattdessen steht da ein begnadeter Sänger mit tiefschwarzer Stimme und singt Lieder, die ihm gefallen. Cocker macht Klassiker und Hits anderer zu eigenen Songs, einfach indem er sie so singt, wie nur er es kann - bei ihm gerinnt alles zu Soul. So hört sich selbst "One" von U2 oder "Everybody hurts" von REM so an, als wäre dies in Wahrheit für ihn geschrieben worden. Und auch wenn seine Gesangstechnik im Grunde ein Verbrechen ist, klingt Cocker heute wundersamerweise genauso wild, kraftvoll und verletzlich wie zu Beginn seiner Karriere.</P><P class=MsoNormal>Unerklärlich, wie das seine Stimmbänder seit 40 Jahren mitmachen, aber wenn Cocker beim umjubelten "With a little help from my friends" diesen berühmt-berüchtigten Schrei ausstößt, der die Menschen schon Ende der 60er-Jahre elektrisierte, geht das immer noch durch Mark und Bein. Unterstützt wird er von einer achtköpfigen Band voll unaufdringlicher Virtuosen, die Cocker den musikalischen Grund bereiten, auf dem er seine Stimme ideal exponieren kann.</P><P class=MsoNormal>Als Cocker nach gut zwei Stunden ausgepumpt die Bühne räumt, läuft auf einer Leinwand eine Art Abspann, in der alle Beteiligten in ihrer jeweiligen Funktion aufgeführt werden. Joe Cocker wird als "Künstler" gelistet. Das hat sich der Mann redlich erarbeitet.</P>

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