Wilde Welt der Maskerade

- Da sitzen sie, die Tenniscracks, die Damen mit blonden Zopferln und übermächtigem Busen, die Herren mit schwarzem Pilzkopf. Die beiden Paare, fein in Weiß gekleidet, aber merkwürdig maskiert, führt Olaf Breuning in dem Foto "Double" vor. Das gelbe Tennisball-Material wurde zur Gesichtslarve. Wer im Treppenhaus der Münchner Ausstellungshalle der Sammlung Goetz diesem boshaft-witzigen Werk begegnet, hofft, dass es gleichermaßen schrill weitergehen wird: im vierten Teil der Ausstellungs-Serie "Imagination Becomes Reality", die sich mit aktueller Malerei beschäftigt.

"Part IV. Borrowed Images" versammelt zehn Künstler der Jahrgänge 1964 bis 1974 unter dem Gesichtspunkt der "entlehnten" Bildquellen. Was schwerfällig klingt, ist in der künstlerischen Wirklichkeit frech und fetzig - und obendrein dank Ingvild Goetz' Sammler-Klugheit von bestechender Qualität. Malerei hat sich mittlerweile alle denkbaren Medien einverleibt, spielt mit Farbpigmenten genauso wie mit Computertricks, mit Fotografien wie mit Video und "plauscht" ganz selbstverständlich mit Installation und Bildhauerei. Dass dabei ebenfalls alle verfügbaren Bildwelten, Themen, Ästhetiken, kunsthistorischen Standards und Kürzel genutzt werden, ist klar.

Also treffen sich Markus Selgs dramatisch farb-bewölkter "Himmel" (Digitalprint), Thaddeus Strodes derangierter Astronaut (Acrylgemälde), André Butzers von Art Brut inspirierter "AEG-Schweinerücken" (Ölgemälde) mit Ivan Morlay, der per Malerei das Muster eines Blümchenstoffs und per Maschinenstickerei Pinsel-intensive Malerei vortäuscht. Und dann irritiert einen auch noch Barnaby Furnas. Ein heiteres Bild (Urethan), übersät mit abstrahierten Blüten; nur der Titel "Suicide" macht stutzig. Schon entdeckt man fliegende Geschosse und zerstückte Körper.

Es ist eine wilde Welt der Maskerade, ob unmittelbar als Rittersmann oder Dämon, ob sinnbildlich. Mal schmückt sie sich mit Exotischem, mal mit der krausen Ästhetik von Video-Brutalismen, mal mit dem fröhlichen Horror aus Alices heutigem Wunderland, mal mit Kintopp-Untergangsszenario, wozu etwa Thomas Helbigs Skulpturen aus Flohmarktramsch vom ausgestopften Vogel bis zur Puppe passen. Mit Bauschaum verschweißt er all das zu schwarzem Auswurf der Hölle. Kitsch darf sein und üble Geschmacklosigkeit. Dennoch besitzt jede Arbeit eine zweite und dritte Ebene. Wenn Kelley Walker Michael Jacksons Haftfoto zu mehreren großen, achtlos hingestellten Pop-Art-Bildern aufbläst, dann reflektierter er so wortlos wie präzise "Pop" und "Art". Die Säulenheiligen dieser Zunft, Andy Warhol und eben Jackson, treten sich leise gegenüber. Sie sind nicht mehr unantastbar, sie sind verwundbar und verfügbar geworden.

Ergänzt hat Ingvild Goetz diesen Schreckensreigen unserer Lebens-Larven mit Fabian Marcaccios raffinierten Nackten hinter Netzen und mit Mark Leckeys Videos, unter denen "London Atella" herausragt. Denn da kommt der Cineast mit Szenen à la "King Kong" und sonstigen Katastrophen auf seine Kosten. Wieder so eine Maskerade. Unterstrichen wird sie durch das Paar, das seinerseits im dandyhaften 60er-Jahre-Stil "maskiert" durch den Film turnt.

26.6.-30.9., Mo.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 11-16 Uhr, Tel. 089/ 95 93 96 90, Oberföhringer Straße 103, Katalog: 30 Euro.

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