Der wilde Wohlklang

- "Viele in der Musikwelt möchten ja, dass ich überhaupt nichts mehr schreibe", sagte er einmal im Interview mit dieser Zeitung. "Aber der Ansicht kann ich noch nicht beipflichten." Und das Beste dabei: Hans Werner Henze, der an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag feiert, setzt sich weiterhin regelmäßig vors leere Notenpapier.

Derzeit komponiert er, gerade von einem schweren Sturz genesen, an seiner neuen Oper "Fedra". Und wieder dürfte ein Werk entstehen, das sich wenig um Moden und Dogmen schert. Henzes Musik ist, das durften kürzlich erst Besucher eines Konzerts der Münchener Biennale erleben, von noch immer staunenswerter Verführungskraft. Eine Musik, die von Schönheit träumt, Melancholie und Sinnlichkeit atmet, die geerdet ist und ohne Konstruktivismus auskommt und die gerade deshalb verstanden wird. Sein uvre umfasst etwa Opern wie "Der Prinz von Homburg", "Der junge Lord" und "Die Bassariden" sowie zehn Symphonien - die magische Grenze der Neunten überwand er 2002.

Henze ist ein Brückenbauer. Mit seinem Rückgriff auf klassische Formen wie Symphonie ("ein sehr deutsches Modell"), Instrumentalkonzert und Literaturoper bildet seine Kunst eine organische Verlängerung des 19. Jahrhunderts, integriert dabei die klangliche Avantgarde, ohne stur nach ihren Gesetzen zu existieren. Mag sein, dass hierzu auch Henzes Lebensumfeld beiträgt. Vor über 50 Jahren zog es den Westfalen nach Italien. In den Albaner Bergen, unweit von Rom, hat Henze sein Haus und seinen großen Garten, wo ihn regelmäßig ein Wiedehopf besucht: jenes Tier, dem er seine 2003 in Salzburg uraufgeführte Oper "L'Upupa" widmete.

Doch der altersmild gewordene Tonschöpfer hat auch ein "erstes" Leben. Als er sich von der revolutionären Stimmung der 1960er-Jahre anstecken ließ. Als er etwa Che Guevara sein Oratorium "Das Floß der Medusa" widmete, bei dem das Ensemble unter einer roten Flagge singen sollte - was der Chor bei der Hamburger Uraufführung verweigerte. Haltung und Kunst fielen bei Henze eben stets auf eine eigentümliche Art zusammen: "Von Anfang an hatte ich Sehnsucht nach dem wilden Wohlklang."

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