Wildern auf dem Feld des Musiktheaters

- Freier, aufgepasst: Ab sofort akzeptiert Turandots Rätselrunde auch fernmündliche Bewerbungen. Ruf mich an: 444 - oder, für Interessenten außerhalb Chinas, 0086/10/444. Notiert? Nur für den Fall, dass die Sache mit Calaf nicht klappt. Sieht nämlich nicht nach entflammter Liebe aus, was die von der Großkultur umschwärmte Expertin für kleine Beziehungskisten anbietet. Erst zum zweiten Mal, nach Mozarts "Cosí´ fan tutte", wilderte Doris Dörrie auf dem Feld des Musiktheaters. Und dies wieder PR-trächtig an der Deutschen Staatsoper Berlin, bevor sie Münchens Musenleben mit der neuen Regie-Vorliebe gleich dreifach beglücken wird: mit Offenbachs "Schöner Helena" an der Theaterakademie, mit Puccinis "Madame Butterfly" am Gärtnerplatz, mit Verdis "Rigoletto" im Nationaltheater.

<P>Von Asien-Klischee keine Spur, bei Doris Dörrie sieht die Sache folgendermaßen aus: Prolo mit Goldkettchen und im himmelblauen Adidas-Oberteil (Fanclub Eintracht Peking?) trifft auf traumatisierte Hysterikerin mit Kampfsportausbildung. Die bewohnt einen Riesen-Teddy, und akzeptiert Anfragen nur von tremolierenden Helden, die auf einem Giga-Handy die 444 drücken. Hauptgewinn: sie selbst (was ihr nicht passt) - und ein Renault, geparkt in der Garage unter Vatis Etablissement, der's als Honecker-Double mit China-Tapete und Ming-Vasen so richtig gemütlich hat.</P><P>Vielleicht ist's für Dörrie doch das falsche Metier</P><P>Zwei Frauen hat unser Proll am Ende auf dem Gewissen: Liù` im Kreuzritterkleidchen und mit Rapunzel-Frisur wählt Lösung A, den Suizid. Und Lösung B, gedacht für Turandot, scheint keinen Deut besser: Domestiziert vom Bier-nuckelnden Mann wird Prinzesschen zum Heimchen an porentief weißer Küchenzeile - vorerst, wie das Lächeln der Titelheldin zu besagen scheint.</P><P>Es gibt also viel zu schauen und manches zu schmunzeln. Doch Opernregie, so der Verdacht, versteht Doris Dörrie meist als Anti-Langeweile-Programm. Natürlich: Psychologisch überfrachtete Charaktere müssen nicht sein. Aber ebenso wenig jene handwerklich problematischen Bilderbögen, die Ausstattungsverliebte gern und gescheit mit "Montagetechnik" betiteln. Doris Dörrie und Ausstatter Bernd Lepel, zweifellos ein hochkreatives Duo, haben ihren Ideensack auf der Berliner Bühne ausgeleert. Und heraus kullerten: ein bisschen asiatischer Manga-Comic (dokumentiert durch große Prospekte) plus 70er-Jahre Schrillheiten, nur angedeutetes Ost-West-Geplänkel (die Kreuzsymbolik) und, fürs ach so kritische Finale, 'ne Portion Konwitschny light nebst Sättigungsbeilage ungewollter Komik.</P><P>Offenbar hingerissen vom Staatstheaterkraftwerk lieferte Dörrie eine ausufernde Arbeit, die Hilflosigkeiten nur mühevoll übertünchte: die unschlüssigen Auf- und Abgänge, die Versatzstück-Ästhetik, die unmotivierten Chorbewegungen bis hin zum Knochentanz eines wie ausgebuddelten Fernsehballetts, auch das Unvermögen, Aktion richtig zu fokussieren, wurde doch die Szene meist mit Deko zugemüllt.</P><P>Naganos unsinnliche, oft polternde Interpretation</P><P>Selbst Kent Nagano, Münchens Opern-GMD ab 2006, blieb da unter seinen Möglichkeiten. Dass er Puccinis Partitur mit einer analytisch kühlen bis brutalstmöglichen Lesart begegnete, überraschte kaum. Auch nicht, dass er rhythmisches Stützwerk freilegte und klanglichem Neuland nachspürte. Nagano verweigerte Süffigkeit, fiel damit aber ins andere Extrem und erzielte eine merkwürdig unsinnliche, sich in Episoden verlierende, oft polternde Interpretation. Die erst zu sich fand, als das unvollendete Opus - welch Pointe - in Luciano Berios nachkomponierten, aufregend oszillierenden Schluss mündete.</P><P>Respektabel dagegen die Sänger-Besetzung: Sylvie Valayre erreichte zwar nicht die Fulminanz ihrer Berliner Lady Macbeth, wirkte in der Titelrolle meist außer sich und im vokalen Grenzbereich, münzte dies aber in effektvollen Aplomb um. Hörbar blieb, dass die Turandot für diesen Glücksfall einer Dramatischen mit Koloraturfähigkeit der Ausnahmefall bleiben sollte. Aus stattlichen Reserven schien sich dagegen Dario Volonté´ (Calaf) zu bedienen, ein echter, baritonal timbrierter Heldentenor, der sich Extremphrasen nur mittels heftigem Kraftaufwand und ebensolchem Händeringen abtrotzen konnte - auch so ein Fall von misslicher Personenführung. Elena Kelessidi (Liù`) begann uneben, mit verhärteter Stimmführung, sang sich im dritten Akt frei, wurde von der Regie jedoch meist kaltgestellt. Für den Timur mag er zu jung sein, der Auftritt Alexander Vinogradovs, sein markanter, ausdrucksmächtiger Bass, wirkte indes wie ein großes Versprechen.</P><P>Buhs und Standing Ovations versprengter Verehrer für Doris Dörrie, auch Kent Nagano musste Missfallensbekundungen einstecken (zumal derzeit gegen ihn in Berlin eine unschöne Pressekampagne läuft). Dritter Dörrie-Versuch demnächst an der Isar - vielleicht war's einfach nur das falsch Stück. Oder doch das falsche Metier?</P>

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