Den Willen zur Integration einfordern

- "Wir brauchen Bücher, die Denkanstöße geben und sich nicht hinter so genannter ,politischer Korrektheit verstecken."Mit diesen Worten leitete gestern Abend Rosemarie von dem Knesebeck, die Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Bayern, in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Verleihung des mit 10 000 Euro ausgestatteten Geschwister-Scholl-Preises ein. Preisträgerin ist die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek, die mit ihrem Buch "Die fremde Braut" mutig und unerschrocken ein Thema aufgriff, das in unserer Gesellschaft bislang weitgehend tabu war: die Zwangsehen junger Türkinnen in Deutschland.

 Knesebeck über Kelek: "Sie kennt die falsch verstandene Liberalität mancher Intellektueller, die gerne wegsehen und von Religionsfreiheit reden, während die Würde türkischer Frauen in Deutschland mit Füßen getreten wird."

"Ich habe mir meine Freiheit erkämpft."

Necla Kelek

Aus übergroßer Sorge vor ungewolltem Beifall von ausländerfeindlicher, rechter Seite gestaltete Heribert Prantl seine Laudatio auf Necla Kelek mehr als eine kritisch-anklägerische Auseinandersetzung mit der deutschen Ausländerpolitik als zu einer Würdigung der Preisträgerin. "Das Buch ist wie ein Faustschlag auf den Schädel", sagte Prantl und zog den verniedlichenden Vergleich dieser Frau mit einer historischen Figur aus seiner oberpfälzischen Heimat, Doktor Eisenbarth, sowie mit den Problemen, die er, Prantl, als Katholik mit seiner Kirche habe.

In ihrer zutiefst berührenden Dankesrede sprach Kelek über ihren ersten Eindruck, den München auf sie vor 38 Jahren gemacht habe, als sich bei der Reise von Istanbul nach Niedersachsen beim Umsteigen auf dem Münchner Hauptbahnhof ein Schaffner der allein reisenden Kinder annahm und ihnen eine Tafel Schokolade schenkte. "Sie war eins der schönsten Geschenke, die ich erhalten habe", erinnerte sie sich gestern dankbar daran.

Die Preisverleihung nahm Necla Kelek zum Anlass, mit dem Auditorium "über Deutschland" zu reden. "Ich habe inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit . . . und ich liebe Deutschland . . . Ich liebe dieses Land." Denn: "Es ist die deutsche Gesellschaft, die dem kleinen Mädchen aus Istanbul den Zweifel, das Vertrauen, den Mut und die Freiheit schenkte."

Mit ihrer Liebeserklärung an dieses Land verknüpfte Kelek in ihrer Rede aber auch Kritik an seiner Gesellschaft: "Die Angst, an andere Maßstäbe anzulegen, die man für sich selbst für selbstverständlich hält, führt dazu, dass Freiheitsverletzungen akzeptiert werden, die nicht akzeptabel sind." Womit sie die stille Duldung meint der individuellen Rechtsverletzungen von Mädchen und Frauen in vielen türkischen Familien in Deutschland.

Necla Kelek fordert es vehement ein: das elementare Recht auf Individualität, was auch das Recht auf Liebe beinhaltet. "Mindestens die Hälfte" der jungen, in Deutschland lebenden Türkinnen werde es vorenthalten. "Und so ist letztlich an der Frage der Gleichberechtigung der Frau die Integration einer großen Zahl von Türken in Deutschland gescheitert."

Keleks Fazit aus ihrer messerscharfen, ungeschönten wie unbequemen Analyse und wohl auch die indirekte Antwort auf die Rede des Laudators: "Ohne Zweifel, wir müssen fördern, aber wir müssen auch den Willen zur Integration einfordern."

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