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William Forsythe

William Forsythe feiert seinen 60. Geburtstag

Dieser Mann passt in keine Schublade. Und seine Choreographien haben mit den Vorstellungen von herkömmlichem Ballett auch nicht das Geringste zu tun.

Gerade deswegen aber gilt der Amerikaner William Forsythe, der von Frankfurt am Main aus das Ballett revolutionierte, als einer der bedeutendsten Choreographen der Gegenwart. Heute wird der große Erneuerer des Tanztheaters des vergangenen Jahrhunderts 60 Jahre alt.

Publikumsrenner wie „Schwanensee“ oder „Nussknacker“ hat er nie in Szene gesetzt. „Eidos: Telos“, „Kammer/Kammer“ oder „You Made Me a Monster“ („Du machtest mich zu einem Ungeheuer“) heißen seine Arbeiten. Fast immer sind es hochkomplexe Werke. Das Bayerische Staatsballett hatte verschiedene Werke von ihm im Repertoire: unter anderen „Artifact II“ und „Limb’s Theorem“.

Forsythe versteht seine Arbeiten als Forschungsprozess. Ballett ist bei ihm nicht die Darstellung einer Geschichte, es denkt tanzend über sich selbst nach. Die Aufführung gerät zu einer lebendigen Situation, die von den Tänzern aktiv gestaltet wird. „Ich suche Bedingungen, die den Tänzern die Möglichkeit geben, Verantwortung zu übernehmen“, sagte er einmal. Mit diesem Ansatz machte der 1949 in New York geborene Forsythe gerade zu einer Zeit auf sich aufmerksam, als sich das klassische Ballett totgelaufen zu haben schien.

Er studiert an der Jacksonville University und der Joffrey Ballet School, kommt Anfang der 70er-Jahre zum Stuttgarter Ballett. Nach den ersten Arbeiten zu klassischer Musik verlässt er 1980 das Ensemble wieder, arbeitet lieber mit Truppen in aller Welt. 1984 wird er in Frankfurt zunächst Chef des Balletts, später Intendant. Hier beginnt er, Gesprochenes und Industriegeräusche in seine Arbeiten zu integrieren oder seine Ensemblemitglieder auch mal in völliger Stille tanzen zu lassen.

Laut wird es in kulturpolitischer Hinsicht um ihn, als er 2002 seinen Vertrag in Frankfurt nicht verlängert. Denn die Stadt will ihm die Zuschüsse für sein Haus kürzen. Er löst das in der Zwischenzeit weltbekannt gewordene Ballett Frankfurt auf und führt die knapp 20-köpfige Tanzgruppe von 2005 an kurzerhand als „The Forsythe Company“ weiter. In einem deutschlandweit einmaligen Projekt finanzieren die Länder Hessen und Sachsen sowie die Städte Frankfurt und Dresden die Kompanie. Spätestens von da an spitzt Forsythe seine eigene Bewegungssprache immer weiter zu und beginnt, sein Publikum in seine Installations-Performances zu integrieren: In „You Made Me a Monster“ bastelten die Zuschauer aus Pappe bizarre Skelette und verarbeiten damit gemeinsam mit Forsythe den Krebstod seiner Frau, der Tänzerin Tracy-Kai Maier. In „City of Abstracts“ beobachten sich Passanten in der Stadt auf Videomonitoren selbst und entwickeln so kleine Choreographien.

Titel gibt Forsythe seinen Stücken immer erst kurz vor der Premiere, wenn die Proben fast abgeschlossen sind. Ein Tribut an den für ihn so wichtigen Entwicklungsprozess. Musik gibt es bei ihm inzwischen wieder. Meist sind es Arbeiten des Niederländers Thom Willems. Eine solche Ästhetik entzweit freilich das Publikum. Doch William Forsythe ist berechenbar, und wer ihn nicht mag, bleibt den Premieren in der Regel ganz einfach fern. Dort sitzen Interessierte, die genau wissen, auf was sie sich einlassen – und die den großen Meister selbst dann begeistert feiern, wenn diesem mal ein schwacher Wurf unterläuft.

Christian Rupp

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