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Zwischen Grauen und Groteske: Szene mit (v.li.) Gerhard Siegel als Hauptmann, Matthias Goerne als Wozzeck und Jens Larsen als Doktor.

PREMIERENKRITIK

„Wozzeck“ in Salzburg: Insel der Verdammten

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William Kentridge, südafrikanischer Künstlerstar, zeigt Alban Bergs „Wozzeck“ bei den Salzburger Festspielen als bildmächtige Reflexion über den Ersten Weltkrieg. Hier die Premierenkritik:

Salzburg - „Monate, ja vielleicht Jahre“ werde er brauchen, um sich davon zu erholen, so gestand Alban Berg. Schon „ein eiliger Gang durch die Stadt“, sogar das Verfolgen eines Gesprächs sei nicht möglich, schrieb er dem Lehrer Arnold Schönberg – bis ins Herz verletzt, traumatisiert, fast zugrunde gerichtet von dem, was alle als den „großen Krieg“ bezeichneten. Die Komposition des „Wozzeck“? Zur Neben-, daher aufgeschobenen Sache wurde dies für den Ex-Soldaten zunächst, später zur Selbsttherapie. Denn Zeitenwende, das meint nicht nur eine Musik, die mit sehnsüchtigem Rückwärtsblick zum Neuen strebt, sondern überhaupt einen Umbruch, der nur Traumatisierte, innerlich und äußerlich Gezeichnete hinterließ.

So wie diese Menschen mit den Verbänden, Gasmasken, viele in Feldgrau, Untote aus einer beunruhigend nahe gerückten Zeit. Auf einem verwirrenden Bau aus Stühlen, Schrank und Bretterstegen hausen sie (Bühne: Sabine Theunissen). Ein zerstörtes Wirtshaus der Versehrten könnte das sein, eine Insel der Verdammten vor Projektionen mit Schlachtfeldern, Flugzeugabstürzen, einem kahlen Wald oder einer Landkarte mit Frontverlauf, alles mit schwarzer, wie hastiger Schraffur von William Kentridge gezeichnet oder in flimmernde Schwarz-Weiß-Videos übersetzt. Dass er Bergs Opus, das laut Vorlage von Georg Büchner eigentlich die 1820er-Jahre meint, um ein knappes Jahrhundert Richtung Heute versetzt, ist also nicht nur logisch, sondern mehr als das: Nach Sichtung dieser Salzburger Festspielpremiere erscheint es geradezu zwingend.

Staunenswerte und subversive Bilderwelt

Was für eine staunenswerte, fein tarierte und subversive Bilderwelt also. Kentridge, Künstlerstar aus Südafrika mit immensem Theaterinstinkt, denkt sich den „Wozzeck“ im Haus für Mozart als Installation – und mehr: als Assoziation, als Reflexion über den Krieg, der nicht nur den Schrecken, sondern eben auch die Groteske gebiert. Comicartiges läuft auf einer kleinen Leinwand, einmal wird das Gesicht von Wilhelm zwo demontiert. Und als der Soldatenmarsch ertönt, ziehen projizierte Schattenwesen mit Instrumenten vorbei, so wie es gerade ein paar Hundert Meter weiter geschieht, in Kentridges grandioser Video-Installation „More sweetly play the Dance“ im Museum auf dem Mönchsberg.

Vieles an diesem Abend erinnert an einen ähnlichen Opern-Zugriff, an Christoph Schlingensiefs Bayreuther „Parsifal“. Kentridge tritt einem im Vergleich dazu als wohlerzogener, abgebrühter, auch feinmechanischerer Theatermann entgegen. Was dort Wust war, ist hier auf hintergründige Weise geordnet. Vor allem: Das Timing, das Überlappen der Projektionen, auch das Sichtbarmachen der Solisten stimmt. Immer wieder tauchen die Menschen plötzlich auf, um dann wieder chamäleongleich eins zu werden mit ihrer Umgebung. Nicht immer glückt die Fokussierung in diesen 100 Minuten, manches bleibt zu diffus. Und dass Kentridge die Psychologisierung meidet, fällt auf ihn zurück: Was genau Wozzeck mit Marie verbindet, erfahren wir nicht. Motivationen will (oder kann?) Kentridge in seiner Typisierung der Figuren nicht zeigen. Der Mord bleibt nur weiteres Ornament im Kriegsgrauen, der Schluss allerdings wirkt lang nach. Anklagend, traurig blickt Wozzecks und Maries Kind, hier eine Puppe mit Gasmaske, ins Parkett: Und ihr?

Matthias Goerne in der Titelrolle ist nicht ganz formatfüllend

Am weitesten herausschälen aus diesem Dickicht kann sich Asmik Grigorian. Eine Marie voller herber, natürlicher Intensität, mit eher schmalem Sopran, der sich wie ein dunkler Strahl seinen Weg bahnt durch die Wüstenei. Matthias Goerne, eine Art dumpfer Wiedergänger Gert Fröbes, wäre als Typ ideal. Doch Goerne füllt das Wozzeck-Format nicht ganz. Weil Kentridge ihm zu wenig abverlangt und weil stimmlich manches offenbleibt. Goerne hat Probleme mit der tiefen Lage, klingt auch zu weich, zu farbarm. Dass Berg seinem Sänger rund 60 verschiedene Notationsarten vorschreibt, ein enormes, penibel gestuftes Spektrum zwischen Sprechen und dramatischer Bariton-Emphase, hört man nur andeutungsweise. Viel Luxus dagegen auf den übrigen Positionen mit John Daszak (Tambourmajor), Mauro Peter (der  als Andres Licht ins Kriegsdunkel bringt), Gerhard Siegel (Hauptmann) und Jens Larsen (Doktor). Heinz Göhrig lässt den Narr beim Mini-Auftritt für Sekunden zur Hauptpartie werden.

Dass der Abend in seiner Gedankenarbeit und handwerklichen Umsetzung imponiert, zu denken gibt, aber nicht angreift, spiegelt sich im Orchester wider. Vladimir Jurowski, einer der Favoriten in der Münchner Petrenko-Nachfolge, interessiert sich für einen schlanken, sehnigen Klang, in den die Wiener Philharmoniker ihre Solo-Perlen und Streicher-Wehmut einpassen dürfen. Eine Deutung, die sich modern gibt in ihrer Entfettung, ihrer Zuspitzung, ihrer Zielgerichtetheit, die aber das Überbordende, Verstörende, Existenzielle ausblendet. Viel zu selbstverständlich begegnet einem Alban Berg, als sei seine Partitur „nur“ eine Weiterentwicklung von Vorhandenem und nicht Niederschlag einer Zeitenwende – das immerhin erfahren wir von William Kentridge.

Weitere Aufführungen
am 14., 17., 24. sowie am 27. August.

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