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Im Sommernachtsalbtraum: Sibylle Canonica als Titania, Markus Hering als Zettel, Oliver Nägele als Puck und Götz Schulte als Oberon (v.li.).

William Shakespeares „Sommernachtstraum“ am Resi

München - Diese Premiere war ein Exorzismus. Michael Thalheimer hat bei seinem München-Debüt am Residenztheater dem „Sommernachtstraum“ die Rezeptionsgeschichte ausgetrieben.

Der Regisseur, Jahrgang 1965, (er-)löste Shakespeares Komödie, die 1600 erstmals gedruckt wurde, von possierlichem Liebeständel bei braven Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen. So stößt Thalheimer zum Kern des Dramas vor, legt unbarmherzig und manchmal zynisch irrationalen Liebeswahn, pulsierende Geilheit, Blut und andere Körpersäfte spritzend frei – und zeigt den „Sommernachtstraum“ als düster funkelnden, gefährlich-faszinierenden Rohdiamanten. Statt in eine drollig-niedliche Elfenwelt stürzt Thalheimer seine Figuren in einen Strudel der Begehrlichkeiten, dem die Ratio hilflos gegenübersteht.

Die Besetzung

Regie: Michael Thalheimer. Bühne: Olaf Altmann.

Kostüme: Michaela Barth.

Darsteller: Götz Schulte (Theseus/ Oberon), Sibylle Canonica (Hippolyta/ Titania), Oliver Nägele (Puck), Alfred Kleinheinz (Spinnweb), Götz Argus (Egeus/ Schnauz), Andrea Wenzl (Hermia), Britta Hammelstein (Helena), Michele Cuciuffo (Lysander), Norman Hacker (Demetrius), Markus Hering (Zettel), René Dumont (Squenz), Sierk Radzei (Schnock), Wolfram Rupperti (Flaut), Robert Niemann (Schlucker).

Diese etwas mehr als zweieinhalb Theaterstunden zeigen, dass es – ist die dünne Decke, gewoben aus Erziehung und Konvention, erst zerrissen – beim Menschen so triebhaft brodelt wie beim Tier. Thalheimers Blick tief hinab in unterbewusste Abgründe ist erstaunlich und trotz Längen (vor allem nach der Pause) diskussionswert und packend. Dafür gab es bei der Premiere einige heftige Buhs, aber auch begeisterte „Bravo“-Rufe.

Liebe ist Krieg, und die Liebenden sind Kombattanten auf dem Schlachtfeld der Lust. Seine These macht Thalheimer gleich im ersten Bild klar: Sibylle Canonicas Hippolyta sucht auf der eindrucksvollen Bühne verzweifelt nach einem Ausweg. Olaf Altmann hat nah an der Rampe eine abweisende Säulenwand gebaut, die kaum einen Lichtstrahl hindurchlässt. Später werden sich die Säulen verschieben, enge Zwischenräume freigeben: Shakespeares Wald – hier ist er eine Albtraumlandschaft. Als Hippolyta von Theseus gestellt ist, der die besiegte Amazonenkönigin heiraten will, wird die Canonica eine Puppe, mit der Götz Schulte treiben kann, was er will. Beide spielen auch Titania und Oberon, jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. Dann wird sie dominant sein.

Die Handlung

Theseus, Herzog von Athen, steht vor der Hochzeit mit Hippolyta, als Egeus seine Tochter Hermia anklagt: Sie will nicht den ihr bestimmten Demetrius heiraten, sondern Lysander. Theseus stellt Hermia vor die Wahl zu gehorchen, zu sterben oder ins Kloster zu gehen. Das Mädchen flieht mit ihrem Liebsten, verfolgt von Demetrius und Helena, die wiederum diesen liebt. Im Wald streitet sich Elfenkönig Oberon mit seiner Titania. Um sie zu bestrafen, schickt er Puck um eine Wunderblume, die jeden sich in jene Kreatur verlieben lässt, die er nach dem Erwachen zuerst erblickt. Damit stiftet Puck Wirren und lässt Titania einen Esel lieben. In diesen hat Puck Zettel verwandelt, der ein Stück probte, das sie bei der Hochzeit aufführen wollen.

Alle Beziehungen sind hier kaputt. Thalheimer zeigt die Frauen als Objekte männlicher Geilheit oder dem eigenen Begehren und die Männer als triebgesteuerte Bestien, mit dem Penis als Kompassnadel. Ja, all das steckt auch in diesem Stück, und es ist spannend, sich auf Thalheimers Lesart einzulassen. Schade nur, dass er mit seiner Überdeutlichkeit manches zu erdrücken droht, Offensichtliches wieder und wieder herausarbeitet – und damit in der Wirkung schwächt. Auf sensible Figurenführung verzichtet Thalheimer ebenso wie er sich weigert, die (natürlich) komplizierteren Strukturen von Shakespeares Charakteren nachzuzeichnen. Das ist die größte Schwäche seiner Inszenierung, die sich so ihres Entwicklungspotenzials beraubt sieht: Nicht alles im Leben ist Hardcore.

In der Figur des Demetrius zeigt sich diese Falle, deren Erbauer und Opfer Thalheimer ist, besonders deutlich: Nachdem Puck den jungen Athener mit Blut besudelt hat (schließlich es der bedeutendste Saft, den wir kennen – was soll also das Gewese um jenen der „Wunderblume“?) bewegt er sich ruckartig und abgehakt wie der Farmer in der Science-Fiction-Komödie „Men in Black“ (1997). Dessen Körper wird von einer bösartigen außerirdischen Schabe als Wirt genutzt und ferngesteuert. Wie die Schabe den Mann fortan nur nach „Zucker“ gieren lässt, hechelt Demetrius nun Helena hinterher. Das ist ein durchaus erhellender Regieeinfall – der jedoch in seiner Ausschließlichkeit die Figur unnötig limitiert. Denn Norman Hacker kann jetzt nichts anderes mehr tun, denn als Zombie über die Bühne zu staksen.

Mit Oliver Nägele hat Thalheimer einen wunderbaren Puck gefunden. Allein ob seiner Körpermasse ist Oberons Helfer-Elf ein wuchtiges Biest, hinterfotzig, derb und faul. So etwas wie Mitgefühl gestattet Nägele seiner Figur jedoch, als Puck die schlafenden Menschen Hermia, Helena, Lysander und Demetrius betrachtet. Es ist einer der seltenen vielschichtigeren Momente dieses Abends. So gilt bei allen lohnenden Exorzismus-Bemühungen: Einige Facetten mehr hätte auch Michael Thalheimer im „Sommernachtstraum“ noch entdecken dürfen.

Von Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 20., 27. und 30. Juni; Telefon 089/21 85 19 40.

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