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„Die sind sonst nicht so“: Mit Standing Ovations werden die Gäste in der Lettischen Nationaloper schon zur Pause gefeiert.

Tournee nach Lettland

Willkommen daheim: Mariss Jansons in Riga

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Riga - Mariss Jansons besucht mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks seine Geburtsstadt Riga. Merkur-Redakteur Markus Thiel war in Lettland dabei.

Ziemlich perfekt war diese Aussicht von der Loge rechts unten. Auf die festlich Herausgeputzten im Parkett und auf den drei Rängen. Auf die Bühne, wo Menschen sich sehr laut ihre Meinung sangen oder sich in höchsten Tönen liebten. Vor allem aber auf den Papa. Der stand nur rund fünfzehn Meter entfernt und sorgte mit einem langen dünnen Ding dafür, dass alles unter Kontrolle blieb. Das gefiel dem kleinen Mariss, das wollte er später auch tun, und deshalb blieb er auch mucksmäuschenstill sitzen während der langen Aufführungen. Bis auf ein einziges Mal, da schrie es „Mama! Mama!“ aus ihm heraus, als ein Mann seiner Mutter ein Messer an die Kehle setzte. Falscher Alarm – Mama war die Carmen und dieser Mann ihr Don José.

Lang ist das her. So viel hat sich allerdings in der Lettischen Nationaloper nicht verändert, in diesem neoklassizistischen, herrlich samtrotgüldenen Schmuckkästlein, das seit seiner Renovierung anno 1995 noch samtrotgüldener schimmert. Eine wichtige Sache freilich ist anders: Dort, wo Papa Arvds Jansons dirigierte, steht heute Abend der Sohn.

Gedenkkonzert für den berühmten Vater

Kraftzentrum: Mariss Jansons dirigierte Dvo(r)áks neunte und die fünfte Symphonie von Schostakowitsch.

Der Beifall brandet eher höflich auf, als er auf der Bühne vor sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks tritt. Doch zur Pause, nach Dvo(r)áks Neunter, reißt es die gut tausend Zuhörer im ausverkauften Haus von den Sitzen. Am Ende, nach Schostakowitschs Fünfter und zwei Zugaben, gibt es einen kleinen Blumenberg, Jubel, rhythmisches Klatschen, strahlende Musiker und einen verschwitzten Mariss Jansons, der noch einmal allein hinaus muss und sich gerührt ans Herz fasst. „Je älter ich werden, desto mehr fühle ich eine herzliche Beziehung zu Lettland“, sagt der 71-Jährige später, da ist die Feier im Foyer schon länger im Gange. Und: Solche Reaktionen habe er nicht erwartet. „Die sind sonst nie so temperamentvoll, eher wie die Deutschen.“

Es ist eine Heimkehr für Mariss Jansons in seine Geburtsstadt Riga. Dort, wo er in der St. Georgs-Kirche getauft wurde; in ein Theater, wo er zwischen den Kulissen herumkrabbelte, während die Eltern arbeiteten; in eine Stadt auch, die der 13-Jährige widerwillig verlassen musste, als der Vater eine Stelle im damaligen Leningrad annahm. Relativ selten kommt Mariss Jansons noch nach Riga. 1995 hat er das Opernorchester im neu eröffneten Haus dirigiert, mit dem Concertgebouw Orchestra war er schon hier. Und nun, endlich, auch mit seinem anderen musikalischen Kind, mit dem BR-Symphonieorchester. Wieder so ein Nostalgietrip also, schon zweimal war man mit dem Chef ja an seinem jetzigen Wohnort St. Petersburg. Doch nun, in Riga, ist es anders. „Herzlich willkommen“, sagt Mariss Jansons zu Beginn der Probe. Denn hier fing schließlich alles an.

Anlass dieses kurzen Gastspiels ist auch der 100. Geburtstag des 1984 verstorbenen Arvds Jansons. Eine kleine Messingplakette erinnert in der Nationaloper seit dem Wochenende an ihn. In einem engen Gang direkt gegenüber der Dirigentengarderobe. Dort, wo er quasi seine zweite Heimat hatte. Und wo nun der Sohn zwei Stunden vor Konzertbeginn ankommt. Blass ist er, man spürt, wie viel ihm der Tag bedeutet. Kameras richten sich auf ihn, der Intendant sagt etwas, es gibt ein paar Fotos. Doch es ist zu ahnen: Mit den Gedanken ist Jansons schon woanders – auf der Bühne.

Die Geschichte mit den Knöpfen erzählt er dann nach dem Konzert, gelöst, bestens gelaunt und mit aller Zeit der Welt, obwohl einen Raum weiter die Honoratioren warme Worte loswerden wollen. Die Geschichte, als er, der Bub, eine Anzahl dieser kleinen Dinger vor sich hinlegte und sie als Orchestermusiker betrachtete. Aber nicht nur Knöpfe dirigierte der kleine Mariss damals, er schrieb auch Programme und machte sich Gedanken über die Werk-Auswahl – Pultstar und Jung-Dramaturg in einer Funktion demnach.

Beim Papa war seinerzeit in Riga nicht so eindeutig, worauf es hinaus sollte. Arvds Jansons spielte von 1940 bis 1944 im Opernorchester bei den zweiten Geigen. Als im Krieg über 40 Prozent der Künstler emigrierten, bekam er seine Chance, nun wurden dringend Dirigenten gebraucht. Zunächst wurde er viel beim Ballett eingesetzt, bald kamen Opern, und alles lief derart gut, dass ihn der große sowjetische Kollege Jewgenij Mrawinski zu seinem Assistenten machte – „nur“ eben in Leningrad. „Viele Letten waren damals neidisch auf meinen Vater“, erinnert sich Mariss Jansons. „Sie haben ihm übel genommen, dass er ging. Als er aber berühmt wurde, da waren sie stolz auf ihn.“

So stolz wie an diesem Novembertag, an dem sich Riga in ein graues Kleid aus Regen und Nebel hüllt, die Letten eine Generation später. Schon am Flughafen wartet ein TV-Team auf Mariss Jansons. Ein riesiges Plakat an der Oper kündet vom Gastspiel, das dortige Fernsehen überträgt live, im Anschluss lädt die deutsche Botschafterin Andrea Wiktorin zum Empfang ins Foyer, wo nur ein häufiges „Pscht“ verhindern kann, dass sich ihre Worte im aufgekratzten Trubel bei Bier, Wein, Sekt und Häppchen verlieren.

Sternstunde mit Schostakowitsch

Eine Zeitlang braucht das Symphonieorchester des BR schon, um sich in eine Akustik einzufinden, die so trocken ist, dass man vom bloßen Zuhören Hustenreiz bekommt. Dvo(r)áks saftige Neunte ist da als Stückwahl nicht unbedingt ideal, obwohl Jansons und die Seinen einen zweiten Satz zaubern, so flexibel, so innig miteinander atment, so genau in der Agogik, der einem den Atem raubt. Der staubige Klangeindruck steht dann Schostakowitschs schrundiger Fünfter wesentlich besser, eines von Mariss Jansons’ Kopf- und Magenstücken. Wie intensiv er sich mit seinem Ensemble in das Opus hineingedacht hat wird hier, gerade an diesem so besonderen Ort, offenbar – eine Sternstunde, überwältigend in ihrer Verknüpfung von orchestraler Brillanz und Gedankentiefe. Am nächsten Morgen, nach einer recht kurzen Nacht, warten drei Busse vor dem Hotel mit Ziel Flughafen. Es geht zurück – von einer hochemotionalen Beschwörung der Vergangenheit in den Münchner Alltag.

Von Markus Thiel

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